Krankenhaus, Operation

Trillionen

Gestern noch bekam ich erklärt, dass es bei einem von 10 Trillionen Patienten vorkommen kann, dass die Vene (oder wie immer man das Ding nennt, wo der Schlauch von dem Port reinkommt) zu dünn ist und man sich deshalb was einfallen lassen muss. Irgendeine dickere Vene wird dann perforiert und dann wird was geschoben und… jedenfalls kompliziert.

Heute weiß ich, dass ich die eine von den vielen Trillionen bin. Und weil die junge und hübsche Anästhesistin die Narkosemittelmenge nach der Dauer der einfachen OP ausgerechnet hat, wurde ich vor dem Ende wach. Und hörte den ebenso hübschen Chirurgen fluchen, weil es nicht so klappte, wie er sich das gedacht hatte. Gespürt habe ich aber nix, weil die Lokalanästhesie ja noch wirkte, nur wach war ich. Das Perforieren geht wohl mit Strom, jedenfalls brutzelte und zischelte es fröhlich vor sich hin und ich fand das alles total lustig, weil ich zwar wach, aber immer noch narkoseknülle war

Huch, flötete die junge Anästhesistin, da sind sie ja… jaaaaaaa, da war ich und grinste unter der Atemmaske schräg vor mich hin. Dann war es vorbei, der Chirurg kam noch persönlich und erklärte mir, warum das so schwer war, aber es interessierte mich nicht wirklich, ich hockte nur zusammengesunken auf dem mobilen OP-Tisch, denn mittlerweile spürte ich auch die Schmerzen und war gar nicht mehr lustig drauf.

MIt diesem Tisch schoben sie mich dann in den Aufwachraum, wo der diensthabende leitende Anästhesist doch glatt lachen musste, als er mich sah, wie sitzen sie denn da, wie ein Haufen Elend… ICH BIN EIN HAUFEN ELEND ICH WILL SOFORT EINE TASSE KAFFEE… und was soll ich sagen, er lief los und ich kriegte meinen Kaffee und dann gings mir schon besser.

Hinterher habe ich mir überlegt, wie ich denn ausgesehen haben mag, und da musste ich selber lachen, ich lag also nicht mehr auf dem Tisch, ich saß darauf, leicht zur Seite gekippt wegen der Schmerzen, mit dieser blauen Plastikhaube auf und dem schicken gepunkteten OP-Hemdchen an und dem mieslaunigsten Gesicht, was man sich vorstellen kann.

Bei der Vorstellung muss ich jetzt noch grinsen. Jedenfalls ist es überstanden und das Mistding ist drinne, geröntgt wurde ich auch, weil was perforiert wurde und dabei kann die Lunge verletzte werden. Wurde sie aber nicht.

Und Dienstag, da kommt er das erste Mal zum Einsatz, der Port.

Irgendwie ist das alles unglaublich.

Chemo, Krankenhaus, Operation

warum eigentlich…

…hat man in so einer Klinik das Gefühl, als sei alles eine irgendwie schrecklich durcheinandere Organisation? Heute war ich geschlagene 5 Stunden dort und habe mich einer Voruntersuchung für die morgige Port-OP unterziehen müssen. Die Untersuchung war nur 15 Minuten, der Rest bestand aus warten, hin und her laufen, Etage 1 und Etage 3 und Parterre und wieder zurück, noch mal warten, noch länger warten, noch mal Bögen ausfüllen, die ich schon mindestens 3 mal ausgefüllt habe, wieder 74 mal die gleichen Fragen beantworten und warten, noch mal warten und wieder die gleichen Fragen beantworten und ehrlich, ich blick da nicht wirklich durch, warum das alles so nötig ist, aber ok, nach 5 Stunden war ich dann wieder raus aus dem Bunker, 10 Euronen Parkgebühr und ich konnte nach Hause.

Morgen früh so gegen 10 soll ich die ScheißEgalSpritze kriegen, die mich hoffentlich vom Geschehen abschirmt, denn ich bin eine anerkannte Memme und kann nichts ertragen, was mit Blut zu tun hat.

Und dann kann ich irgendwann nach Hause und dann werde ich alle Vorbereitungen für die Giftmischung überstanden haben.

Boah, ich bin geschafft, wirklich, einfach nur geschafft. Im Moment passiert mit mir eigentlich gar nichts schlimmes, aber ich bin geschafft. Zu viel ist passiert, zuviele Abschiede musste ich ertragen, und dann starb auch noch Regina, die ich vor ein paar Jahren durch den Blog meiner Mutter kennen gelernt habe. Wir hatten nur einmal direkten Kontakt, auf ihrer Seite, aber ich habe sie dort häufig besucht und Anteil genommen an ihrem Schicksal. Irgendjemand schrieb jetzt in ihrem Gästebuch, es sei so unglaublich, dass sie gestorben ist und die Erde sich einfach weiter dreht. Genau das habe ich damals auch gefühlt, als Hajo starb.

Ich kenne Regina nicht persönlich, aber es entsetzt mich die Vorstellung, dass ich auf ihrer Seite nichts mehr von ihr lesen werde. Diese Endgültigkeit bringt mich grad an den Rand meines Fassungsvermögens. Sie hat mich Teil haben lassen an ihrem Leben und ich habe gerne Teil genommen, auch wenn vieles, was dort stand, manchmal sehr schmerzhaft war, denn ihr Weg war wahrlich kein leichter.

Die Welt dreht sich weiter. Ja das tut sie. Auch wenn diese Vorstellung manchmal einfach nur schwer zu ertragen ist.

Operation

körperliche Unversehrtheit

Heute hatte ich ausreichend Gelegenheit, mir darüber Gedanken zu machen was es heißt, gesund zu sein, also das zu sein, was ich bis vor 8 Wochen selber noch glaubte zu sein. Gestern bekam ich Probleme mit meiner mir noch treu verbliebenen Drainage, irgendwas war undicht und so hatte ich alles nass. Da es sich nicht um farbloses Wasser handelt, was da in den Behältnissen gesammelt wird und ich zudem eine regelrechte Memme bin (Blut = augenblickliches umkippen), bedeutet sowas für mich ein wahres Drama. Ich muss in die Klinik!! Da muss ein Experte drauf gucken!! Hilfe!! Denn wenn ich mir das selber angucke, wie da so ein Geschläuch aus mir herauskommt und nicht farbloses Nichwasser verteilt… dann liege ich da, und zwar augenblicklich.

Hört sich zugegebenermaßen lustig an, ist jedoch voll Scheiße irgendwie kontraproduktiv. Weil mir dann noch weniger als gar nicht geholfen ist. Also Klinik. Mein Kumpel fuhr mich, es war ein nettes Erlebnis und zu Hause stellte ich fest, jetzt läuft gar nix mehr. Ich hab mir dann gedacht, der liebe Gott hat dich nicht eine Brustoperation überleben lassen um dich dann an einer verstopften Drainage sterben zu lassen, jedenfalls nicht von heute auf morgen und so fuhr ich also heute Vormittag, wieder mit Hilfe des lieben Kumpels, erneut in die Klinik, diesmal zu einem richtigen Brustarzt, der Ahnung hatte.

Der bestätigte meine Version des Gottvertrauens, sei alles nicht schön, aber auch nicht gefährlich, ich bräuchte mir keine Sorgen zu machen, er mache das jetzt mal neu und schaue gleich nach, per Ultraschall, ob sich das was angesammelt habe. Gesagt getan. Ist alles nicht schlimm, tut auch nicht wirklich weh, ok, es gibt schöneres, aber es gibt auch definitiv viel viel schlimmeres.

Doch als ich da so lag, den Arm nach oben strecken musste, als ich spürte, dass ich nix spüre, weil noch alles taub ist, als ich dann den Blick nach unten wagte (es sieht wirklich gut aus, also da ist eine Narbe, aber ansonsten sieht es so aus wie immer), da kam mir eine Wortkombinaiton in den Sinn, sie war auf einmal da, wie rote flammende Lettern leuchtete es vor meinem geistigen Auge: körperliche Unversehrtheit.

Die ist nun dahin. Neinnein, ich will hier nicht jammern, das ist es nicht, es war nur so, dass ich auf einmal den Unterschied zu früher spürte, zu der Sorgloszeit. Ich fühlte mich so hilflos dem Leben gegenüber, ich kann das noch nicht recht beschreiben, ich bin jetzt in dieser Klinikmaschinerie, das ist ja auch gut so, da gehöre ich ja auch hin, nur ich fühlte mich so hilflos. Der Arzt war sehr nett, erklärte mir alles, hörte zu, nahm sich Zeit, kein huschhusch, war kompetent und beruhigte mich. War alles bestens, besser hätte es nicht sein können.

Darum geht es auch nicht. Es geht um das, was in mir ist. Was sich geändert hat. Ich muss jetzt Dinge geschehen lassen, aushalten, ertragen, ich MUSS das, um gesund zu werden. Es ist eine Form von ausgeliefert sein. Ich meine jetzt nicht die andere Seite, die Ärzte und die Klinik und und und, ich meine MICH, wie ICH mich fühle, was ICH empfinde, was diese Gedanken mit MIR machen, diese Gefühle, diese Termine, dieses spüren von nichts spüren unter dem Arm.

Eigentlich, so meine ich, müsste es Mentoren geben. In der Uni Düsseldorf gibt es für die neu eingeschriebenen Semester Mentoren, sie bekommen von älteren Studies alles gezeigt und erklärt. Und ich dachte, sowas braucht es auch in den Kliniken, Mentoren, Mentorinnen, die da sind, die sagen hör mal, fühlt sich jetzt scheiße da an unterm Arm, ist aber normal, hatte ich auch… ich meine jetzt nicht das medizinische, ich meine das seelische. Das, was sich ändert, wenn die körperliche Unversehrtheit weggegangen ist und Gedanken und Gefühle kommen, die man erstmal nicht versteht.

Sozusagen eine Gefühlsmentorin 😉 um sich auf den langen Klinikfluren zurecht zu finden…

Operation, Tumor

Schmerz lass nach

Gestern noch habe ich gedacht, ich komme nie, niemals von den Schmerzmitteln los, aber heut geht es schon besser, ich brauche weniger. Und diese beschissene Drainageflasche baumelt noch an mir herunter und füllt sich auch immer weniger mit roter Flüsseigkeit. Aus was besteht eigentlich so ein Mensch? Ich kann sowas doch gar nicht ab, medizinische Berufe kämen für mich überhaupt nicht NIEMALS ABSOLUT NIEMALS infrage, und jetzt muss ich ständig so ein Teil mit mir rumschleppen. Na immerhin haben sie mir gestern Flasche No. 1 entfernt, ich hatte ja zwei. Jetzt habe ich nur noch eine. Trotzdem Scheiße.

Und dieses Teil erinnert mich permanent und ohne Gnade daran, dass ich jetzt nicht mehr zu den Sorglosen gehöre.

Schmerzen habe ich trotzdem, so innendrin, aber sie lassen sich aushalten, ab und an ein Pillchen und es geht. Morgen wieder Wundkontrolle in der Klinik. Mir rasen zillionen Gedanken durch den Kopf, dicht gefolgt von doppelt so viel Gefühlen, dann bin ich völlig fertig und möchte weglaufen, und wenn ich realisiere, dass weglaufen nicht mehr geht, bin ich noch fertiger… und dann scheint die Sonne und mir geht es wieder gut.

Ist das normal? Bin ich normal?

Was weiß denn ich.