Operation

körperliche Unversehrtheit

Heute hatte ich ausreichend Gelegenheit, mir darüber Gedanken zu machen was es heißt, gesund zu sein, also das zu sein, was ich bis vor 8 Wochen selber noch glaubte zu sein. Gestern bekam ich Probleme mit meiner mir noch treu verbliebenen Drainage, irgendwas war undicht und so hatte ich alles nass. Da es sich nicht um farbloses Wasser handelt, was da in den Behältnissen gesammelt wird und ich zudem eine regelrechte Memme bin (Blut = augenblickliches umkippen), bedeutet sowas für mich ein wahres Drama. Ich muss in die Klinik!! Da muss ein Experte drauf gucken!! Hilfe!! Denn wenn ich mir das selber angucke, wie da so ein Geschläuch aus mir herauskommt und nicht farbloses Nichwasser verteilt… dann liege ich da, und zwar augenblicklich.

Hört sich zugegebenermaßen lustig an, ist jedoch voll Scheiße irgendwie kontraproduktiv. Weil mir dann noch weniger als gar nicht geholfen ist. Also Klinik. Mein Kumpel fuhr mich, es war ein nettes Erlebnis und zu Hause stellte ich fest, jetzt läuft gar nix mehr. Ich hab mir dann gedacht, der liebe Gott hat dich nicht eine Brustoperation überleben lassen um dich dann an einer verstopften Drainage sterben zu lassen, jedenfalls nicht von heute auf morgen und so fuhr ich also heute Vormittag, wieder mit Hilfe des lieben Kumpels, erneut in die Klinik, diesmal zu einem richtigen Brustarzt, der Ahnung hatte.

Der bestätigte meine Version des Gottvertrauens, sei alles nicht schön, aber auch nicht gefährlich, ich bräuchte mir keine Sorgen zu machen, er mache das jetzt mal neu und schaue gleich nach, per Ultraschall, ob sich das was angesammelt habe. Gesagt getan. Ist alles nicht schlimm, tut auch nicht wirklich weh, ok, es gibt schöneres, aber es gibt auch definitiv viel viel schlimmeres.

Doch als ich da so lag, den Arm nach oben strecken musste, als ich spürte, dass ich nix spüre, weil noch alles taub ist, als ich dann den Blick nach unten wagte (es sieht wirklich gut aus, also da ist eine Narbe, aber ansonsten sieht es so aus wie immer), da kam mir eine Wortkombinaiton in den Sinn, sie war auf einmal da, wie rote flammende Lettern leuchtete es vor meinem geistigen Auge: körperliche Unversehrtheit.

Die ist nun dahin. Neinnein, ich will hier nicht jammern, das ist es nicht, es war nur so, dass ich auf einmal den Unterschied zu früher spürte, zu der Sorgloszeit. Ich fühlte mich so hilflos dem Leben gegenüber, ich kann das noch nicht recht beschreiben, ich bin jetzt in dieser Klinikmaschinerie, das ist ja auch gut so, da gehöre ich ja auch hin, nur ich fühlte mich so hilflos. Der Arzt war sehr nett, erklärte mir alles, hörte zu, nahm sich Zeit, kein huschhusch, war kompetent und beruhigte mich. War alles bestens, besser hätte es nicht sein können.

Darum geht es auch nicht. Es geht um das, was in mir ist. Was sich geändert hat. Ich muss jetzt Dinge geschehen lassen, aushalten, ertragen, ich MUSS das, um gesund zu werden. Es ist eine Form von ausgeliefert sein. Ich meine jetzt nicht die andere Seite, die Ärzte und die Klinik und und und, ich meine MICH, wie ICH mich fühle, was ICH empfinde, was diese Gedanken mit MIR machen, diese Gefühle, diese Termine, dieses spüren von nichts spüren unter dem Arm.

Eigentlich, so meine ich, müsste es Mentoren geben. In der Uni Düsseldorf gibt es für die neu eingeschriebenen Semester Mentoren, sie bekommen von älteren Studies alles gezeigt und erklärt. Und ich dachte, sowas braucht es auch in den Kliniken, Mentoren, Mentorinnen, die da sind, die sagen hör mal, fühlt sich jetzt scheiße da an unterm Arm, ist aber normal, hatte ich auch… ich meine jetzt nicht das medizinische, ich meine das seelische. Das, was sich ändert, wenn die körperliche Unversehrtheit weggegangen ist und Gedanken und Gefühle kommen, die man erstmal nicht versteht.

Sozusagen eine Gefühlsmentorin 😉 um sich auf den langen Klinikfluren zurecht zu finden…

Ein Gedanke zu „körperliche Unversehrtheit“

  1. So ein bisschen findest Du die gesuchten ´Mentoren` in anderen Blogs von Brustkrebsfrauen. Vieles was wir erleben und fühlen, was uns bewegt und verunsichtert, ist ähnlich.
    Es hat mir geholfen zu sehen, andere Frauen in der Situation hatten ähnliche Probleme und Gedanken.
    Außerdem gibt es ein paar Brustkrebsforen, in denen man sich auch austauschen kann.
    Falls Du gerne ein paar Links dazu möchtest, melde Dich. Ich will Dich hier jetzt nicht ungefragt mit Links zutexten 🙂
    Es ist hart und beunruhigend, zu erkennen, dass das selbstverständliche Funktionieren des eigenen Körpers, einfach so aufhört. Da geht viel Vertrauen kaputt.
    lieben gruss sue

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