Krebsgedanken, Leben, Tumor

und immer wieder Krebs

Gestern kam Hiob zu uns. Er hatte eine Botschaft bei sich, die keiner haben wollte. Und doch lud er sie ab. Unser bester Freund ist schwer an Krebs erkrankt. Erst einmal langes schweigen. Was soll man auch sagen?

Ich habe immer noch keine Worte. Werde jetzt in die Arbeit fahren und danach beginnt mein Hospizkurs. Die Erde dreht sich einfach weiter, kommenden Montag fliege ich nach London zu meiner Familie, Freitag kommt mein Liebster nach und wir besuchen ein Joan Baez Konzert.

Und jetzt Sonntag werde ich 60. Aber das ist im Augenblick völlig unwichtig. Etwas anderes ist wichtig und dafür habe ich grad keine Worte. Nur Trauer. So ist es einfach.

Krebsgedanken, Leben

Krebsgedanken

Montag habe ich ein Leseexemplar zugeschickt bekommen, der Verlag hatte mich, wie so viele, im Internet gefunden. Es geht um eine persönliche Krebsgeschichte. Im einem der nächsten Posts werde ich darüber berichten, wenn ich es ausgelesen habe. Es hat mich sehr berührt bislang, es hat wieder einiges aufgewühlt, obwohl die Geschichte gut ausgegangen ist. Und doch, da kam so einiges wieder hoch. Wie gut ich das alles noch erinnere und jetzt, Jahre später, fällt mir auf, wie schwer das eigentlich war. In einem Buch hört sich das alles zwar heftig, aber eben so weit weg an, außer wenn man mal drinsteckte, ob nun mit Krebs oder was es sonst noch für fiese Krankheiten gibt.

Es ist seltsam, je weiter die Krankheit und die akute Behandlung zurück liegen, desto heftiger kommt es mir vor. Heute fühle ich mich zuweilen überfordert, damals nicht. Komisch, oder? Meine Psychoonkologin meint, das sei durchaus normal. Normal ist gut, normal beruhigt mich.

Und dann noch etwas ganz seltsames, mein elektronischer Kalender schluckt alle meine Daten der Nachkontrolle. Also die vergangenen. Können Kalender denken? Einen beruhigen? Haben sie gar Absichten? Was will mein Kalender mir sagen? Zum Verständnis, ich habe ihn auf allen meinen Geräten und sobald ein Untersuchungstermin vorbei ist, ist er weg. Auf allen Geräten weg. Aber nur diese Termine. Das geht doch nicht mit rechten Dingen zu 🤪

So, jetzt sende ich Grüße in die Welt und schmeiße mich in den Sessel. Weiter lesen. Das Buch berührt mich sehr.

Familie, Leben, Weihnachten

Klosterweihnachten

Wir sind dieses Jahr im Klostergemäuer, ich musste mein Heim verlassen, in dem ich vor über 50 Jahren die schönsten Weihnachten meines Kinderlebens verbrachte. Und auch danach folgten so manche schöne Weihnachten. Doch dieses Jahr musste ich weg. Ich hatte genug Familie, ich brauchte mein ureigenes Weihnachten mit meinem Wandersmann.

Wir sind ins Klostergemäuer gefahren. Da waren wir schon einmal für eine Woche, jetzt sind wir hier über die Weihnachtstage bis ins neue Jahr. Es ist wundervoll. Das alte Kreuzgewölbe, die Stimmung, die dadurch entsteht, die alte Klosterküche, ich liebe es einfach hier. Und es ist so liebevoll eingerichtet. Wie wir dann alles aufgebaut hatten, unser Baumgebilde erstrahlte, der Kaminofen brannte, die Weihnachtsmusik lief, da war ich richtig glücklich. Einfach nur richtig glücklich 🎄🕯🎁🎅🏼

Familie, Leben

daaaaaamals…

Ich bin in London, es ist immer noch eine interessante Stadt, auch wenn ich zugeben muss, dass ich gar nicht mehr genau weiß, wie das damals vor 33 Jahren war, als ich das erste Mal meine Schwester besuchte. 26 Jahre war ich alt, sah die Welt ganz anders, fand andere Dinge wichtig, spannend, wollte anderes erreichen als heute, fühlte mich, und das weiß ich noch ganz genau, jung und unverwundbar.

Drei Jahrzehnte und etliche Lebenskurven später weiß ich, dass das mit dem unverwundbar so nicht stimmt. Auch wenn meine Ärztin mir sagte, ich sei geheilt, auch wenn alle, die ich aufsuchen muss zum zwecke der Nachsorge sehr zuversichtlich sind, der Krebs hat eine Unsicherheit hinterlassen. Er hat mir die Unschuld geraubt.

Die Unschuld besteht aus: Unwissenheit. Nicht zu wissen, was kommt, was passiert, was mit uns geschieht, ist ein Geschenk. Dieses Geschenk lässt Platz für Glauben, für Hoffnung, für Zuversicht, für Wünsche und Ziele. Im Grunde, denke ich grad, stehen wir alle an der gleichen Stelle. Ob mit oder ohne Krebs, ob akut betroffen oder in der Vergangenheit, wir stehen alle hier und jetzt und nirgendwo anders. Da geht der vor Gesundheit strotzende, große Ziele verfolgende Mensch auf einen Weihnachtsmarkt und wird von einem Islamisten erschossen. Von jetzt auf gleich keine Zukunft mehr. Keine Ziele. Keine Wünsche. Blankes Entsetzen und tiefe Trauer treten an die Stelle.

Der einzige Unterschied, ich weiß darum. Wenn man jung und gesund ist, weiß man es nicht. Und das ist auch gut so, man braucht nicht alles wissen und sowas schon gar nicht. Das aber ist die Unschuld, die ich meine. Die habe ich nicht mehr. Das verändert das Leben, verändert die Sichtweise, verändert auch die Zuversicht. Ich habe Zuversicht, ich habe WIEDER Zuversicht, aber es ist eine gänzlich andere. Es gibt eine Zuversicht VOR und eine NACH der Erschütterung. Was auch immer die Erschütterung ist, bei mir war es der Krebs.

London ist heute anders als früher, weil ich anders bin. Der brutale Tod meines Mannes, meine eigene Krankheitserfahrung und noch so die ein oder andere Gemeinheit haben Spuren hinterlassen. London war damals anders, weil ich damals anders war. Es wird vermutlich heute auch völlig anders sein, aber ich spüre in erster Linie mein anders sein. Es ist alles gut so, wie es ist. Und doch, es macht mich sehr nachdenklich.

Abschied, Krankenhaus, Leben, Liebe, Seele

verblassen

Gestern habe ich das Grab meines Mannes besucht, die Friedhofsgärtnerei hat es wieder hübsch gemacht, so gefällt es mir. Sein Kreuz ist mittlerweile verwittert, genau so, wie er es wollte. Nichts erinnert mehr an ihn, das war sein Wunsch. Nicht lange vor seinem Tod sagte er mir, alles, was sein Leben war, solle mit der Zeit verblassen. Ich hätte es gerne anders gehabt, aber seine Wünsche waren nunmal andere. Und ich mag einfach nicht darüber hinweg gehen. Darum ist es so, wie es ist, gut.

Acht Jahre ist es nun her, dass er bei Aldi auf dem Parkplatz zusammenbrach, ich erinnere es noch wie gestern. Wie ich hinter dem Krankenwagen herfuhr, wie mir der junge Assistenzarzt im Krankenhaus versuchte zu erklären, dass es sehr schlecht um meinen Mann stehe (wozu der junge Arzt offensichtlich nicht in der Lage war). Wie der Polizeiarzt (der als Notarzt Dienst hatte) endlich Klartext redete. Und wie dieser mir Stunden später sagte, dass sie ihm nicht mehr hätten helfen können. Und wie er mir sagte, ich solle wirklich froh sein, dass er nicht mehr wach geworden sei, ich hätte meinen Mann nicht mehr zurück bekommen.

Ich hatte ihn schon viel früher verloren.

Seine schwere Depression hatte ihm allen Lebensmut genommen. Sein Leben war dunkel und beschwerlich geworden und er hatte alle Hilfe verweigert, so lange, bis ihm nicht mehr zu helfen war. Seine furchtbare Kindheit hatte er nie überwunden, im Gegenteil, bis zu letzt hatte er darunter gelitten.

Ich kann mich an all das noch gut erinnern. An die Zeit nach seinem Tod, als ich lernen musste, ohne ihn zu leben. Als mir die ganze Dunkelheit bewusst wurde, als ich versuchte, mich davon zu lösen und Hilfe brauchte. Und wie er mir doch fehlte, unendlich fehlte. Wie ich kurz vor Weihnachten, wir hatten beide das Fest so geliebt, drei Stunden schluchzend auf dem Sofa saß, über die Lehne gebeugt, ein unendlicher Vermissungsanfall, so habe ich noch nie geweint in meinem Leben. Und wie ich ihn mit der Zeit loslassen konnte, wie es mir langsam besser ging.

Und wie der Krebs in mein Leben kam.

Alles in allem habe ich über 10 Jahre hart gekämpft, gegen die Dunkelheit, gegen den Krebs, und dann strahlte mich meine Operateurin nach einer Untersuchung an und sagte: „Nun sind Sie wieder gesund!“ Und wie ich dann beschloss, wieder zu leben, neu anzufangen. Wie ich meinen geliebten Wandersmann kennen lernte, wie ich zurückfand in einen schönen Alltag, in die Sonne. Sogar arbeiten kann ich wieder, nicht voll, aber immerhin.

An all das dachte ich gestern an Hajos Grab. Nein, er fehlt mir nicht mehr, ich habe ihn wirklich loslassen können. Aber ich denke nicht mehr dunkel an ihn zurück, sondern hell und fröhlich, denn das war er, er war, als er noch gesund war, ein fröhlicher Mann, hatte ständig einen lustigen Spruch auf den Lippen und wusste eine Gesellschaft zu unterhalten. Wir hatten auch schöne Stunden. Sehr schöne Stunden.

Auch wenn er sich das gewünscht hatte, dass alles verblassen möge, was zu seinem Leben gehörte, ich werde ihn nicht vergessen. In meinen Gedanken ist er oft bei mir, Bilder von ihm hängen noch hier, er war ein wichtiger Teil meines Lebens. Und leider Gottes auch ein sehr schwerer.

Tja, mein Krebs gehört auch zu mir. Er möge für immer hinfort bleiben, aber er war nunmal ein wichtiger Teil meines Lebens. Gewollt habe ich ihn nicht, aber als er dann da war, drängte er sich in den Vordergrund und wollte beachtet werden. Der Kampf um mein Leben nahm mich vollkommen in Anspruch, es war eine Zeit des Augen zu und durch. Angst hatte ich keine, wirklich nicht, ich war zu sehr mit dem Kampf beschäftigt. Heute, so skurril das klingen mag, heute habe ich öfters Angst, wenn mir klar wird, in welcher Gefahr ich schwebte. Meine Psychoonkologin findet das sogar normal. Ich finde es schräg.

Aber so ist das Leben, manchmal ist es einfach richtig schräg 🥳

Leben, Meer, Urlaub

Leben am Meer

IMG 0296Ein kleines Cottage in Irland, in der Nähe von Portmagee, am Meer, herrliches Wetter, der Liebste an meiner Seite, Abends vor dem offenen Kamin sitzen und in die Flammen schauen, Ruhe, Gemütlichkeit, einfach sein können, die Wellen beobachten, den lieben Gott einen guten Mann sein lassen 😉 im Augenblick brauche ich nicht mehr.

Doch! Internet 😜 das gibt es hier auch, das steht am Fenster und darum kann ich Euch schreiben 😎

Heute morgen wurde ich wach und dachte an: Krebs. Echt jetzt. Nicht an meinen im besonderen, sondern so allgemein an diese Krankheit, ich dachte daran, wie ich mich fühlte, als ich akut dagegen ankämpfen musste, nicht wissend, ob auch alles funktioniert und ob ich das überhaupt überlebe. Damals war ich weniger in Sorge als heute, manchmal denke ich, mein Gott was war ich blauäugig, heute weiß ich einfach, was das bedeuten kann, was daraus folgen kann… all das dachte ich heute morgen, als ich neben meinem Liebsten wach wurde an diesem wunderschönen Fleckchen der Erde.

Leben dürfen, weiter leben dürfen, sich Gedanken machen dürfen über die Zukunft, wobei ich nicht definieren kann, was das ist, Zukunft, nicht mehr definieren kann. Das ist mir abhanden gekommen. Nicht, dass ich denke, ich habe keine Zukunft mehr, nein, so ist es nicht, ich weiß einfach nicht, was ich bei Zukunft denken soll. Ich habe auch damals bei der Diagnose nicht gedacht, oh Schreck, jetzt habe ich keine Zukunft mehr, eigentlich habe ich gar nicht an Zukunft gedacht. Irgendwann bemerkte ich, dass sie gar nicht mehr da ist, so als etwas Konkretes. Zukunft ist möglich. Aber gewiss, nein, gewiss ist sie nicht mehr.