Familie, Leben, Weihnachten

Klosterweihnachten

Wir sind dieses Jahr im Klostergemäuer, ich musste mein Heim verlassen, in dem ich vor über 50 Jahren die schönsten Weihnachten meines Kinderlebens verbrachte. Und auch danach folgten so manche schöne Weihnachten. Doch dieses Jahr musste ich weg. Ich hatte genug Familie, ich brauchte mein ureigenes Weihnachten mit meinem Wandersmann.

Wir sind ins Klostergemäuer gefahren. Da waren wir schon einmal für eine Woche, jetzt sind wir hier über die Weihnachtstage bis ins neue Jahr. Es ist wundervoll. Das alte Kreuzgewölbe, die Stimmung, die dadurch entsteht, die alte Klosterküche, ich liebe es einfach hier. Und es ist so liebevoll eingerichtet. Wie wir dann alles aufgebaut hatten, unser Baumgebilde erstrahlte, der Kaminofen brannte, die Weihnachtsmusik lief, da war ich richtig glücklich. Einfach nur richtig glücklich 🎄🕯🎁🎅🏼

Familie, Leben

daaaaaamals…

Ich bin in London, es ist immer noch eine interessante Stadt, auch wenn ich zugeben muss, dass ich gar nicht mehr genau weiß, wie das damals vor 33 Jahren war, als ich das erste Mal meine Schwester besuchte. 26 Jahre war ich alt, sah die Welt ganz anders, fand andere Dinge wichtig, spannend, wollte anderes erreichen als heute, fühlte mich, und das weiß ich noch ganz genau, jung und unverwundbar.

Drei Jahrzehnte und etliche Lebenskurven später weiß ich, dass das mit dem unverwundbar so nicht stimmt. Auch wenn meine Ärztin mir sagte, ich sei geheilt, auch wenn alle, die ich aufsuchen muss zum zwecke der Nachsorge sehr zuversichtlich sind, der Krebs hat eine Unsicherheit hinterlassen. Er hat mir die Unschuld geraubt.

Die Unschuld besteht aus: Unwissenheit. Nicht zu wissen, was kommt, was passiert, was mit uns geschieht, ist ein Geschenk. Dieses Geschenk lässt Platz für Glauben, für Hoffnung, für Zuversicht, für Wünsche und Ziele. Im Grunde, denke ich grad, stehen wir alle an der gleichen Stelle. Ob mit oder ohne Krebs, ob akut betroffen oder in der Vergangenheit, wir stehen alle hier und jetzt und nirgendwo anders. Da geht der vor Gesundheit strotzende, große Ziele verfolgende Mensch auf einen Weihnachtsmarkt und wird von einem Islamisten erschossen. Von jetzt auf gleich keine Zukunft mehr. Keine Ziele. Keine Wünsche. Blankes Entsetzen und tiefe Trauer treten an die Stelle.

Der einzige Unterschied, ich weiß darum. Wenn man jung und gesund ist, weiß man es nicht. Und das ist auch gut so, man braucht nicht alles wissen und sowas schon gar nicht. Das aber ist die Unschuld, die ich meine. Die habe ich nicht mehr. Das verändert das Leben, verändert die Sichtweise, verändert auch die Zuversicht. Ich habe Zuversicht, ich habe WIEDER Zuversicht, aber es ist eine gänzlich andere. Es gibt eine Zuversicht VOR und eine NACH der Erschütterung. Was auch immer die Erschütterung ist, bei mir war es der Krebs.

London ist heute anders als früher, weil ich anders bin. Der brutale Tod meines Mannes, meine eigene Krankheitserfahrung und noch so die ein oder andere Gemeinheit haben Spuren hinterlassen. London war damals anders, weil ich damals anders war. Es wird vermutlich heute auch völlig anders sein, aber ich spüre in erster Linie mein anders sein. Es ist alles gut so, wie es ist. Und doch, es macht mich sehr nachdenklich.

Allgemein

London

Morgen nach der Arbeit geht es los, wir fliegen nach London, meine Schwester und ich, besuchen dort über das Wochenende ihre älteste Tochter, die dort grad Karriere macht und den Brexit verflucht. Vor 34 Jahren bin ich ständig nach London geflogen, immer wenn ich Zeit hatte, saß ich im Flieger und habe meine Schwester besucht, die dort studierte. Was haben wir diese Stadt geliebt 💙 damals gab es noch die Busse, wo man draufspringen musste. Am liebsten bin ich mit der U-Bahn gefahren, dieser Geruch! Ich rieche ihn heute noch 💙 Wir haben jeden Winkel der Stadt erkundet, waren nahezu überall, wir waren jung und die Welt lag uns zu Füßen (glaubten wir jedenfalls, aber das ist ein anderes Thema). Dann war sie fertig mit dem Studium und zog in den Orient, dort wurden ihre Kinder geboren, die auch in London studierten (der jüngste Sohn ist noch fleißig dabei). Die Zeit ist eine andere geworden, das mit den Füßen und der Welt hat sich ein wenig verschoben, es gibt überall sowas wie Brexit, der Bauch bestimmt die Forderungen an die Politik, also Bauch finde ich ja grundsätzlich nicht schlecht, nur wenn man dabei den Verstand ausschaltet, fängt es an kritisch zu werden.

Vor, lasst mich rechnen, 28 Jahren war ich das letzte Mal mit meiner Schwester in London. Kinder wie die Zeit vergeht. Morgen nach der Arbeit fliegen wir wieder. Ich bin so gespannt. Ob wir noch was wieder erkennen? Uns erinnern? Kalt wird es sein. Winter in London sind kalt.

Ich werde berichten.

Abschied, Krankenhaus, Leben, Liebe, Seele

verblassen

Gestern habe ich das Grab meines Mannes besucht, die Friedhofsgärtnerei hat es wieder hübsch gemacht, so gefällt es mir. Sein Kreuz ist mittlerweile verwittert, genau so, wie er es wollte. Nichts erinnert mehr an ihn, das war sein Wunsch. Nicht lange vor seinem Tod sagte er mir, alles, was sein Leben war, solle mit der Zeit verblassen. Ich hätte es gerne anders gehabt, aber seine Wünsche waren nunmal andere. Und ich mag einfach nicht darüber hinweg gehen. Darum ist es so, wie es ist, gut.

Acht Jahre ist es nun her, dass er bei Aldi auf dem Parkplatz zusammenbrach, ich erinnere es noch wie gestern. Wie ich hinter dem Krankenwagen herfuhr, wie mir der junge Assistenzarzt im Krankenhaus versuchte zu erklären, dass es sehr schlecht um meinen Mann stehe (wozu der junge Arzt offensichtlich nicht in der Lage war). Wie der Polizeiarzt (der als Notarzt Dienst hatte) endlich Klartext redete. Und wie dieser mir Stunden später sagte, dass sie ihm nicht mehr hätten helfen können. Und wie er mir sagte, ich solle wirklich froh sein, dass er nicht mehr wach geworden sei, ich hätte meinen Mann nicht mehr zurück bekommen.

Ich hatte ihn schon viel früher verloren.

Seine schwere Depression hatte ihm allen Lebensmut genommen. Sein Leben war dunkel und beschwerlich geworden und er hatte alle Hilfe verweigert, so lange, bis ihm nicht mehr zu helfen war. Seine furchtbare Kindheit hatte er nie überwunden, im Gegenteil, bis zu letzt hatte er darunter gelitten.

Ich kann mich an all das noch gut erinnern. An die Zeit nach seinem Tod, als ich lernen musste, ohne ihn zu leben. Als mir die ganze Dunkelheit bewusst wurde, als ich versuchte, mich davon zu lösen und Hilfe brauchte. Und wie er mir doch fehlte, unendlich fehlte. Wie ich kurz vor Weihnachten, wir hatten beide das Fest so geliebt, drei Stunden schluchzend auf dem Sofa saß, über die Lehne gebeugt, ein unendlicher Vermissungsanfall, so habe ich noch nie geweint in meinem Leben. Und wie ich ihn mit der Zeit loslassen konnte, wie es mir langsam besser ging.

Und wie der Krebs in mein Leben kam.

Alles in allem habe ich über 10 Jahre hart gekämpft, gegen die Dunkelheit, gegen den Krebs, und dann strahlte mich meine Operateurin nach einer Untersuchung an und sagte: „Nun sind Sie wieder gesund!“ Und wie ich dann beschloss, wieder zu leben, neu anzufangen. Wie ich meinen geliebten Wandersmann kennen lernte, wie ich zurückfand in einen schönen Alltag, in die Sonne. Sogar arbeiten kann ich wieder, nicht voll, aber immerhin.

An all das dachte ich gestern an Hajos Grab. Nein, er fehlt mir nicht mehr, ich habe ihn wirklich loslassen können. Aber ich denke nicht mehr dunkel an ihn zurück, sondern hell und fröhlich, denn das war er, er war, als er noch gesund war, ein fröhlicher Mann, hatte ständig einen lustigen Spruch auf den Lippen und wusste eine Gesellschaft zu unterhalten. Wir hatten auch schöne Stunden. Sehr schöne Stunden.

Auch wenn er sich das gewünscht hatte, dass alles verblassen möge, was zu seinem Leben gehörte, ich werde ihn nicht vergessen. In meinen Gedanken ist er oft bei mir, Bilder von ihm hängen noch hier, er war ein wichtiger Teil meines Lebens. Und leider Gottes auch ein sehr schwerer.

Tja, mein Krebs gehört auch zu mir. Er möge für immer hinfort bleiben, aber er war nunmal ein wichtiger Teil meines Lebens. Gewollt habe ich ihn nicht, aber als er dann da war, drängte er sich in den Vordergrund und wollte beachtet werden. Der Kampf um mein Leben nahm mich vollkommen in Anspruch, es war eine Zeit des Augen zu und durch. Angst hatte ich keine, wirklich nicht, ich war zu sehr mit dem Kampf beschäftigt. Heute, so skurril das klingen mag, heute habe ich öfters Angst, wenn mir klar wird, in welcher Gefahr ich schwebte. Meine Psychoonkologin findet das sogar normal. Ich finde es schräg.

Aber so ist das Leben, manchmal ist es einfach richtig schräg 🥳

Allgemein

mein Traum

Das ist derzeit mein Lebensthema, Raumschiffe. Wirklich jetzt. Also ich meine, natürlich nicht in echt, bin ich Prinzessin Lea oder was? 😜 Nein, es geht um Autonomie, Herr im Himmel ist das manchmal schwer. Nächste Woche habe ich Psychoonkologiestunde, da wird es mal wieder Thema sein, die Autonomie. Wenn ich jetzt sagen würde, es geht mir gut, wäre es gelogen. Würde ich sagen, es geht mir schlecht, stimmt es auch nicht. Es geht mir schwer. Meine Familie hat uns Kinder mit dichtem festem Wurzelwerk ausgestattet, aber leider nicht mit Flügeln. Und daran knabber ich grad. Aber holla. Und hier die Sache mit dem Raumschiff:

Chemo, Urlaub, Weihnachten

Frisur zu verschenken

Als meine Mutter an Krebs erkrankte und eine Chemotherapie bevorstand, da hat sie sich eine Perücke gekauft. Da ihre Kasse alles bezahlte, hat sie sich eine richtig gute gekauft. Sie hat sie zweimal getragen, dann verschwand sie im Karton.

Nun habe ich sie ausgegraben und stehe vor der Entscheidung, soll ich sie nun fortwerfen oder… lieber wäre mir verschenken.

Hat jemand Interesse?

Als meine Chemo bevorstand, da wusste ich, ich kauf mir keine, ich trage lieber Tücher und Mützen. Es war ja auch Winter, da fiel das manchmal gar nicht auf. Wenn ich heute daran zurück denke, was habe ich alles mitgemacht. Manchmal kommt mir das so unwirklich vor.

Und dann habe ich heute die Vorweihnachtszeit eingeläutet, meine Deko ausgepackt und in der Wohnung verteilt. Wir werden dieses Jahr Weihnachten im Kloster sein, also einem ehemaligen Kloster, was jetzt eine Ferienwohnung ist. Nicht das ganze Kloster natürlich 😉 einen umgebauten Teil davon, die Stimmung dort ist jedenfalls wundervoll, das passt zu Weihnachten. Wenn dann noch Schnee liegt, wäre alles perfekt.

Vor vielen Jahrhunderten haben adelige Jungfrauen dort gewohnt. Im Laufe der Zeit müssen die Mädels aber heftig über die Stränge geschlagen haben 😜 „nachhaltige Lockerung der Lebensformen“ heißt es in dem Bericht, da war bestimmt einiges los in dem Gemäuer 😉

Wir jedenfalls werden dort Weihnachten feiern. Mit Baum und allem drum und dran. Ich freue mich schon 🎄 Da werden wir unsere Lebensform auch mal so richtig nachhaltig lockern und an Silvester im Klostergarten im Kreis tanzen 🤪