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im Wartesaal des Lebens

Ich habe mal wieder gewartezimmert, wie ich es nenne, den Aufenthalt in diesen speziellen Wartebereichen mit diesem speziellen Flair. Das Wort suggeriert, ich sei nicht ganz so ausgeliefert, warte nicht nur geduldig mein Schicksal ab, im Gegenteil, Wartezimmern hört sich so aktiv an, wie arbeiten irgendwie 😉

Diese Bereiche jedenfalls können der reine Horror sein. Ich erinnere mich an den ersten Besuch in einer Onkologie, Oktober 2011, vor fast genau 10 Jahren, es war furchtbar. Damals schrieb ich:

Gestern war ich in der Onkologie, mein erster Termin dort. Und ich wusste gleich, da will ich nicht hin. Da nicht. Im Anfang liegt das Ende, so heisst es doch so richtig und es fing schon schlecht an. Die Onkologin war eine richtig nette taffe Frau, aber sie konnte auch nichts mehr retten, dort stimmt es einfach nicht. Ich war danach ziemlich am Ende, weil ich erstmal nicht das Licht gesehen habe, sondern nur die Dunkelheit. Krankheit. Krebs. Chemo. Schrecklich.

Beitrag: „Glückskind

Ich erinnere mich noch genau, ich kam dort rein, es war eine große massive Türe, durch die man musste, ohne Glasscheiben, wie der Zugang zu einem Bunker, und dahinter war ein ellenlanger Flur, an dessen Wände aufgereiht viele Bänke und noch mehr Stühle standen, auf denen die wartenden Krebskranken saßen. Alles war gekachelt oder in diesem hellen Gelb gestrichen, alleine der Anblick machte einen schon krank, es war eine alte Abteilung in einem alten Krankenhaus, im Keller gelegen, tief unten, es war furchtbar. Keine Fenster. Neonlicht flackerte in langen Röhren von der Decke und machte die eh schon bleichen Gesichter noch bleicher. Ich hatte das dumpfe Gefühl, der Tod schleicht heimlich herum und wahrscheinlich tat er es auch. Es war grauenhaft. Jahre zuvor hatte ich „Krebsstation“ von Alexander Solschenizyn gelesen, daran fühlte ich mich sofort erinnert, ich wollte nur noch weg.

Nach einem Gespräch mit der wirklich netten aber völlig überforderten Ärztin, die sich ständig für die unhaltbaren Zustände entschuldigte, rannte ich davon. Es war das erste Mal, dass ich dachte, in solchen Räumen kann und will ich nicht behandelt werden.

Mittlerweile ist das Krankenhaus renoviert, ich habe es zwar noch nicht wieder gesehen, aber es wird bestimmt modern aussehen und hell, diese Abteilung wurde, zusammen mit der ebenfalls im Keller liegenden Radiologie, neu gebaut, aus dem Keller raus ins Licht.

Die Radiologie, wo ich jetzt hingehe, liegt im 1. Stock, mithin im Licht. Sie ist modern, wie eben solche Bereiche heute aussehen. Keine geschlossenen Wartezimmer mehr, sondern offene Bereiche. Hell und freundlich, nicht grad wohnlich, aber ok.

Dort wartezimmerte ich also, aber nicht lange, das geht immer flott da, die bestellen die Patient*innen so, dass man ziemlich schnell dran kommt. Obwohl der Dichter Dostojewsky behauptet, alles nehme ein gutes Ende für den, der warten könne, kann diese Art des Wartens schwere Gedanken hervorrufen. Doch es ging also schnell und es ging zum Glück gut. Ein junger, sehr freundlicher Arzt, die Chefin war in Urlaub, untersuchte mich nach dem Gequetsche gründlich und entließ mich mit freundlichen Worten zurück in mein Leben.

Der Termin ist mir diesmal wirklich schwergefallen, Dostojewsky hin oder her. Zwei Wochen zuvor war ich zur umfassenden Sonografie, da war ebenfalls alles ok, das war es also nicht. War dieser Termin schon nicht so einfach für mich, war der jetzige wirklich schwer. Nicht als Termin selber, sondern im Kopf. Ich hatte keine Zeit, darüber nachzudenken, warum das so war, ich spürte nur, es ist sauschwer.

Hinterher dann war mir klar, Sue ist gestorben, das kam alles wieder hoch. Das Wissen, dass man an dieser Krankheit sterben kann. All diese Gedanken und die dazugehörigen Gefühle meldeten sich, und zwar alle auf einmal. Sie überschwemmten mich sozusagen.

Ich habe noch einen kompletten Tag und eine Nacht gemeinsam mit meinem Wandersmann gebraucht, bis mir klar wurde, alles ist ok. Bald 10 Jahre liegt nun die akute Behandlung zurück, ich gelte tatsächlich als geheilt. Aber selbstverständlich, nein, selbstverständlich ist es nicht. Selbstverständlich wird es vermutlich nie sein.

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