Leben, Träume

verdamp lang her

Vor 36 Jahren war ich drei Monate in Amerika. Woher ich den Mut nahm, mich entlassen zu lassen, meine Koffer zu packen, mir Geld zu pumpen und nach Amerika zu fliegen, es muss die Unbekümmertheit der Jugend gewesen sein, ich weiß es nicht. Ich habe meinen Beamtenstatus aufgegeben, diese sichere Stelle, das muss man sich mal vorstellen, mein Vater bekam abwechselnd Schnappatmung und Schreianfälle. Mir war das alles egal. Ich wollte nach Amerika.

Ich war dann in Amerika. Drei Monate tingelte ich durch dieses Land, ich bin von Nord nach Süd geflogen und von West nach Ost, ich hatte eins der damals begehrten Rundflugtickets, man bezahlte entweder für einen oder für drei Monate eine fixe Summe und konnte fliegen so oft man wollte wohin man wollte. Standby, also wenn der Flug voll war, musste man einen anderen nehmen. Ich hatte aber schnell den Trick raus, wie man sich einen festen Platz ergattern konnte. Heute alles nicht mehr möglich.

Oft habe ich mir die Ziele nach der Dauer der Flüge ausgesucht oder bin Umwege geflogen, weil ich dann im Flugzeug ein Mittagessen bekam. Ich hatte schnell den Trick raus, wie man fast umsonst in Europa anrufen konnte, damals gab es noch diese Operator, die man, wenn sie unerfahren waren, austricksen konnte.

Ich weiß wirklich nicht, woher ich all den Mut nahm, ich habe es einfach gemacht. Ich wollte es. Das war mein Traum. Einmal nach Amerika. Einmal in New York. Ich war dann in New York, eine riesige Stadt, damals meine Traumstadt, ich habe immer in den sogenannten European Guest Houses übernachtet, schreckliche Jugendherbergen voller Getier und laut und stickig. In New Orleans haben die Jungs die Beine der Etagenbetten in Blechdosen gestellt, in die sie vorher gepinkelt hatten, damit die Kakerlaken oder was auch immer da rumkrabbelte, nicht ins Bett konnte, wir Mädels haben uns Schmierfett besorgt und die Bettbeine damit eingepinselt, wirkte auch und stank nicht so. Die obere Etage der Betten wurde nicht beschlafen, da sich die Wanzen von der Decke fallen ließen.

Mich hat all das nicht gestört, ich war endlich in Amerika. Heute würde ich keinen Fuß mehr in eine solche Behausung setzen, damals war es mir wurscht, Hauptsache Bett, Hauptsache billig, Hauptsache viele andere aufregende junge Leute kennen lernen. Und ich habe viele aufregende Leute kennen gelernt, wir sind auf ein Open Air Concert von Grateful Dead gefahren, mit einem altersschwachen aber billigen Leihwagen, mehr gerumpelt als gefahren, doch die Sonne schien, die Musik war gut, die Leute waren high und ich war in Amerika.

Ich bin über die Golden Gate Bridge gefahren, ich habe in San Francisco in der Emmastreet in einer völlig zugekifften und hoffnungslos überbelegten Herberge geschlafen, wo die Leute in Schlafsäcken auf dem Flachdach übernachteten, morgens war man zugedröhnt vom Haschischnebel der Nacht, selbst wenn man wie ich nie Rauschgift genommen hat.

In Washington habe ich Mondstein berührt, in diesem Space- and Aircraft Museum, habe die winzige Mondkapsel besichtigt, man denkt immer, sie ist viel größer, aber das ist ein echt kleines Teil. Und ich habe in der schrecklichsten Herberge ever übernachtet, die Duschbäder voller Gefleuch und Gekrabbel, die Klimaanlage dröhnte die ganze Nacht, in der Küche krabbelten die Kakerlaken zwischen den Tellern in den Hochschränken herum, es war entsetzlich. Mir war es egal. Billig und Amerika. Es gruselt mich heute, wenn ich daran denke.

Ich bewundere diese mutige junge Frau, die ich damals war. Heute sage ich meinen Nichten immer, wenn ihr etwas wirklich wollt, dann macht es, egal, was andere sagen, egal, was es für Risiken birgt, macht es, wenn ihr es wirklich wollt, macht es. Habt ihr Zweifel, überlegt, ob es richtig ist, aber wenn ihr es wirklich wollt, dann lasst euch nicht aufhalten.

Ich bin „per Zufall“ wieder Beamte geworden, vermutlich hat mein Vater heimlich Opfergaben dargebracht 😜🤣 und Bittgebete gesprochen und überall Knoblauch aufgehängt oder was man sonst noch so machen muss, um wen auch immer gütig zu stimmen 😝 das Kind kam jedenfalls wieder unter und verdiente Geld und hatte eine sichere Stelle. Und war in Amerika gewesen. Alles war wieder in Ordnung.

Ich würde es wieder und wieder tun. Ich habe es nie bereut. Denn am Ende seines Lebens bereut man nicht das, was man getan hat, sondern das, was man nicht getan hat. Ach hätte ich doch… das ist ein Satz, den ich noch nie gesagt habe und auch nie sagen will. Es gibt viele gute Gründe, etwas nicht zu tun. Aber es gibt keinen einzigen Grund, etwas zu unterlassen, was man wirklich wirklich will.

 

 

 

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