daaaaaamals…

Ich bin in London, es ist immer noch eine interessante Stadt, auch wenn ich zugeben muss, dass ich gar nicht mehr genau weiß, wie das damals vor 33 Jahren war, als ich das erste Mal meine Schwester besuchte. 26 Jahre war ich alt, sah die Welt ganz anders, fand andere Dinge wichtig, spannend, wollte anderes erreichen als heute, fühlte mich, und das weiß ich noch ganz genau, jung und unverwundbar.

Drei Jahrzehnte und etliche Lebenskurven später weiß ich, dass das mit dem unverwundbar so nicht stimmt. Auch wenn meine Ärztin mir sagte, ich sei geheilt, auch wenn alle, die ich aufsuchen muss zum zwecke der Nachsorge sehr zuversichtlich sind, der Krebs hat eine Unsicherheit hinterlassen. Er hat mir die Unschuld geraubt.

Die Unschuld besteht aus: Unwissenheit. Nicht zu wissen, was kommt, was passiert, was mit uns geschieht, ist ein Geschenk. Dieses Geschenk lässt Platz für Glauben, für Hoffnung, für Zuversicht, für Wünsche und Ziele. Im Grunde, denke ich grad, stehen wir alle an der gleichen Stelle. Ob mit oder ohne Krebs, ob akut betroffen oder in der Vergangenheit, wir stehen alle hier und jetzt und nirgendwo anders. Da geht der vor Gesundheit strotzende, große Ziele verfolgende Mensch auf einen Weihnachtsmarkt und wird von einem Islamisten erschossen. Von jetzt auf gleich keine Zukunft mehr. Keine Ziele. Keine Wünsche. Blankes Entsetzen und tiefe Trauer treten an die Stelle.

Der einzige Unterschied, ich weiß darum. Wenn man jung und gesund ist, weiß man es nicht. Und das ist auch gut so, man braucht nicht alles wissen und sowas schon gar nicht. Das aber ist die Unschuld, die ich meine. Die habe ich nicht mehr. Das verändert das Leben, verändert die Sichtweise, verändert auch die Zuversicht. Ich habe Zuversicht, ich habe WIEDER Zuversicht, aber es ist eine gänzlich andere. Es gibt eine Zuversicht VOR und eine NACH der Erschütterung. Was auch immer die Erschütterung ist, bei mir war es der Krebs.

London ist heute anders als früher, weil ich anders bin. Der brutale Tod meines Mannes, meine eigene Krankheitserfahrung und noch so die ein oder andere Gemeinheit haben Spuren hinterlassen. London war damals anders, weil ich damals anders war. Es wird vermutlich heute auch völlig anders sein, aber ich spüre in erster Linie mein anders sein. Es ist alles gut so, wie es ist. Und doch, es macht mich sehr nachdenklich.

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