aus meinem Beamtenleben đŸ˜‰

Wisst Ihr, was ein Verkleinerungserlass ist? Nicht? Wusste ich auch nicht, bis er mir widerfahren ist. Das ist jetzt bald 30 Jahre her, und doch habe ich das nicht vergessen können. Damals war ich furchtbar jung und glaubte, dass man die Welt verĂ€ndern könne. Wenn man es nur wolle, zum Guten, versteht sich. Meine Welt war der Öffentliche Dienst, dort hatte ich meine Ausbildung absolviert und arbeitete nun als frisch gebackene Inspektorin z.A. bei einer Landesbehörde. Den Zusatz z.A. gibt es heute nicht mehr, das war damals „zur Anstellung“, was so etwas Ă€hnliches wie eine Probezeit war. Aber wie gesagt, das gibt es nicht mehr.

Jedenfalls lernte ich damals als junge „z.A.-Beamtin“ den Verkleinerungserlass kennen, oder sagen wir es anders, ich lernte die Unsinnigkeit von Verwaltungsentscheidungen kennen, an denen auch dann festgehalten wird, wenn sie an Unsinnigkeit nicht mehr zu ĂŒberbieten sind. Wie Reinhard May es so schön besungen hat “Einen Antrag auf Erteilung eines Antragsformulars zur BestĂ€tigung der Nichtigkeit des Durchschriftexemplars…lalala…”.

Doch kehren wir zurĂŒck zu dem Verkleinerungserlass. Nun kann man nichts wegen eines Erlasses verkleinern, aber man kann damit sparen, Papier zum Beispiel. Das geht ganz einfach, von oberster Stelle wird verfĂŒgt, dass, wenn man zwei Seiten zu kopieren gedenke, dieses auf einer Seite zu erledigen habe und zwar indem man die A 4-Seiten auf A 5 verkleinere. So passten dann zwei Seiten auf eine und man hatte ein Blatt Kopierpapier gespart. Und zugleich Toner, der ja nun auch nicht billig war damals.

Über die Lesbarkeit etlicher so entstandener Kopien hatte man dabei wohl nicht groß nachgedacht. Aber es gab ja Ausnahmegenehmigungen, die allesamt vom Beauftragten des Haushaltes eingeholt werden mussten. FĂŒr Unkundige: dies ist der oberste Haushaltsbeamte einer Behörde. Meist jedoch ließ sich das so verkleinerte lesen, wenn auch mit MĂŒhe, aber es ging. Wir wollten ja sparen. Und, so die damalige Rechnung, die Kosten fĂŒr Papier mĂŒssten sich quasi halbieren.

Meine Aufgabe damals war, einen Bericht (Erlass kommt von oben, Bericht geht nach oben) fĂŒr das Kultusministerium zu erstellen, der aus einer komplizierten Tabelle bestand. Diese Tabelle hatte etliche Spalten und sehr viele Zeilen und darinnen befanden sich viele Zahlen und auch ErklĂ€rungen. Vergessen wir nicht, dass ist fast 30 Jahre her, Computer gab es damals noch nicht, es wurde alles mit Schreibmaschine verfasst und die Erstellung einer Tabelle war fĂŒr die betreffende Schreibkraft sehr mĂŒhselig. An Durchschriften war bei solch komplizierten SchriftstĂŒcken nicht zu denken, wollte man zusĂ€tzlich zu dem Original noch ein weiteres Exemplar haben, musste man eine Kopie erstellen.

Damals ging es in westdeutschen Behörden noch weitaus hierarchischer zu als heute, es gab eine Kopierstelle, die hatte nur gewisse Stunden am Tag geöffnet, dort erledigte ein Mitarbeiter die Kopierarbeit und diesem hatte man, zusĂ€tzlich zu dem zu kopierenden Blatt eine Genehmigung zu ĂŒberreichen, auf der bestĂ€tigt wurde, dass man berechtigt war, eine Kopie erstellen zu lassen und wie viele man zu erstellen wĂŒnsche. Das ist jetzt kein Scherz, das war so!

Um eine solche Genehmigung zu erteilen, musste man eine bestimmte Stufe erklommen haben. Ich als Inspektorin im gehobenen Dienst durfte das. Kolleginnen und Kollegen des mittleren Dienstes waren dazu offensichtlich nicht in der Lage. Draußen gibt es nur KĂ€nnchen. Das ist einfach so.

Jedenfalls schritt ich mit der von mir selbst erteilten Genehmigung und der von der Kollegin aus dem SchreibbĂŒro mĂŒhsam erstellten Tabelle mutig in das Kopierzimmer, ĂŒberreichte dem Kollegen beides, der spießte die Genehmigung auf einen dieser damals ĂŒblichen Metallpieker, er musste schließlich Abends nachweisen, dass nicht mehr Papier verbraucht wurde als genehmigt, legte die Tabelle auf den Kopierer, das Teil tat sein Werk und er reichte mir Original und Kopie zurĂŒck.

Ich blickte auf das Ergebnis und sah mich jĂ€h mit dem Verkleinerungserlass konfrontiert. Meine Tabelle war auf einem A 4-Blatt auf A 5 verkleinert und völlig unleserlich, um die Tabelle herum war ein breiter Rand. Völlig verstĂ€ndnislos blickte ich den Kollegen an und sagte: “Aber das kann man ja gar nicht lesen!”

Er sagte dann einen Satz, den er in der dann folgenden immer hitziger werdenden Diskussion noch mehrere Male wiederholte, bis ich kopfschĂŒttelnd mit der wirklich unleserlicher Kopie das Kopierzimmer verlassen sollte: “Verkleinerungserlass ist Verkleinerungserlass.” Es war nichts zu machen, er verstand durchaus mein Ansinnen und er gab auch zu, dass die Tabelle unleserlich sei, die Zahlen so klein, dass man sie beim besten Willen nicht entziffern könne. Auch dass der Spareffekt bei einem Blatt Papier gleich Null war, bewegte ihn nicht dazu, die Kopie in NormalgrĂ¶ĂŸe zu erstellen. Der Verkleinerungserlass war in der Welt und daran kam er und somit auch ich nicht vorbei. Verkleinerungserlass ist Verkleinerungserlass.

Ich könne mir ja eine Ausnahmegenehmigung beim BdH holen, dem Beauftragten des Haushalts. Dieser Mann war Leitender Regierungsdirektor und somit in der Lage zu entscheiden, ob man in diesem Falle eine Ausnahme zum Verkleinerungserlass zulassen könne. Er wird viele Jahre studiert und sich anschließend in der Behördenhierarchie hoch gekĂ€mpft haben, um dann, nahezu ganz oben angekommen, ermĂ€chtigt zu sein, Entscheidungen solchen Ausmaßes zu treffen.

Nur hatte er an diesem Tag Urlaub.

Themenwechsel: wie geht der deutsche Beamtengruß? Streckt eine Hand von Euch und spreizt alle Finger, etwa so, wie Ihr in Eurer Lieblingskneipe beim Wirt fĂŒnf Bier bestellt, die HandflĂ€chen dabei nach außen. So sollen sich angeblich Beamte grĂŒĂŸen, wenn sie sich begegnen. Habe ich persönlich noch nie festgestellt. Aber das muss ja nichts heißen, den Verkleinerungserlass kannte ich ja auch nicht.

Ach ja, was bedeutet nun der deutsche Beamtengruß? Ganz einfach: heute noch keinen Finger krumm gemacht đŸ€ȘđŸ€ŁđŸ˜œđŸ˜ˆđŸ˜›đŸ€ŁđŸ˜‡

Was? Wie die Geschichte ausgegangen ist? Nun, ich stand leicht bebend im Aufzug, als die Vorzimmerdame des RegierungsvizeprĂ€sidenten zustieg. Was denn los sei, fragte sie besorgt, ich war nĂ€mlich kurz vorm explodieren. Ich erzĂ€hlte empört mein Erlebnis, sie lĂ€chelte milde, „kommen Sie mit“ meinte sie freundlich, „ich habe einen eigenen Kopierer“ und so bekam ich meine leserliche Kopie. Der groteske Erlass des Innenministeriums wurde nicht lange danach fĂŒr erledigt erklĂ€rt.

Kennt noch jemand einen guten Beamtenwitz? Immer her damit, ich bin Beamte a.L. da kann man alles ertragen. Was a.L. heißt? Aus Leidenschaft 😎 wirklich jetzt, ich liebe meinen Beruf. Ich habe immer gerne gearbeitet und so seltsam geht es in deutschen Behörden nicht mehr zu. Ausnahmen bestĂ€tigen die Regel, aber den Verkleinerungserlass gibt es definitiv nicht mehr 😂

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Autor: SaMaTe

It's only words and words are all I have to take your heart away. (Bee Gees)

6 Kommentare zu „aus meinem Beamtenleben đŸ˜‰“

      1. Ja bestimmt, wir hatten ein Schreiben wie man sich verhalten soll im Falle einer Bombendrohung. Es war genau aufgeschrieben was man sagen soll. Man soll den vermeintlichen Bombenleger unter anderem fragen, warum er die Bombe gelegt hat und sich anschließend fĂŒr nicht zustĂ€ndig erklĂ€ren und den Anruf an den nĂ€chsthöheren Dienstgrad weitergeben 😉 schizophren, oder ?

        GefÀllt 2 Personen

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