Abschied, Familie, Leben

Neuanfang in alten Häusern

…und jedem Anfang wohnt ein Zauber inne… daran musste ich eben denken, als ich das Foto einstellte von dem Weihnachtsbaum auf meiner Arbeit. Früher habe ich mich jedes Jahr sehr auf den Baum an genau dieser Stelle gefreut, das endete vor nicht ganz zwei Jahrzehnten, weil wir aus dem Haus auszogen. In dem neuen Haus wohnten noch viele andere Firmen und es gehörte nicht uns und so gab es auch keinen Weihnachtsbaum. Es gab einen riesigen Adventskranz am Fuße der Rolltreppen und einen Weihnachtsmann, der Anfang Dezember dort Schokolade verteilte (ob dem Hausmeister der Job gefallen hat ist nicht überliefert 😜). Eine Aufmerksamkeit des Vermieters. Auch schön.

Doch ich habe den „eigenen“ Baum vermisst, ich habe das alte Haus vermisst, ich habe meine geliebte Behördengemütlichkeit vermisst, die Kantine, den nachmittäglichen Kaffee… all die Rituale, die unseren Alltag begleiteten. Das neue Haus war völlig anders, es war ultramodern, viel Glas, zwei Türme, verschiedene Ebenen… man hörte auf, einander zu kennen, weil es keine Kantine gab, wo man sich traf, keinen gemeinsamen Flur, wo alle durchmussten, es war anders. Modern. Vor allem: ohne Baum.

Nun ist ein Baum nicht unbedingt das, was zwingend zu einem Arbeitsplatz gehört, es sei denn, man ist als Christkind tätig 😉 aber der Weihnachtsbaum war irgendwie was Besonderes für mich. In allen „meinen“ Behörden gab es im Dezember einen Baum. Und wenn wir die Kugeln selber mitbrachten, weil der Haushalt kein Geld dafür übrig hatte. Aber einen Baum gab es.

Und dann gab es keinen mehr und auch daran habe ich mich gewöhnt. Und dieses Jahr nun gibt es wieder einen Baum, weil wir zurück gezogen sind, und erst jetzt merke ich, dass mir doch was gefehlt hat.

Es ist so seltsam, es ist wie nach Hause kommen, völlig verrückt, ich kann das auch nicht erklären. Als sei ich nie weg gewesen, auch nach all den Jahren nicht. Ich habe das Haus betreten, ich bin durch die Eingangsschleuse gegangen, ich habe den Pförtner gegrüßt und alles war wie immer, als lägen nicht über 6000 Tage dazwischen.

Und hätte ich ein Fernrohr, dann könnte ich aus meinem Bürofenster den Adventskranz sehen 😋

Irgendwie bin ich so eine typische Beamtenseele, ich liebe alte Behörden, meine Ausbildung habe ich in einem Haus mit Paternoster gemacht. Das scheint mich nachhaltig geprägt zu haben 😜 vielleicht aber werde ich auch einfach nur alt 🤪

Und seit letzten Sonntag wohnt unser Vater wieder hier, 15 Jahre lebte er im Wendland, mit unserer Mutter, die vor drei Jahren gestorben ist. Jetzt ist er auch in sein altes Haus, sein Elternhaus, zurück gezogen. Ob es für ihn auch wie nach Hause kommen ist? Ich weiß es nicht. Er spricht nicht darüber. Was ich aber definitiv weiß, meine Leidenschaft für Weihnachtsbäume habe ich NICHT von ihm 😎

Und hier nun das Gedicht zu meinen Gedanken, von Hermann Hesse:  Stufen

Wie jede Blüte welkt und jede Jugend
Dem Alter weicht, blüht jede Lebensstufe,
Blüht jede Weisheit auch und jede Tugend
Zu ihrer Zeit und darf nicht ewig dauern.
Es muß das Herz bei jedem Lebensrufe
Bereit zum Abschied sein und Neubeginne,
Um sich in Tapferkeit und ohne Trauern
In andre, neue Bindungen zu geben.
Und jedem Anfang wohnt ein Zauber inne,
Der uns beschützt und der uns hilft, zu leben.

Wir sollen heiter Raum um Raum durchschreiten,
An keinem wie an einer Heimat hängen,
Der Weltgeist will nicht fesseln uns und engen,
Er will uns Stuf‘ um Stufe heben, weiten.
Kaum sind wir heimisch einem Lebenskreise
Und traulich eingewohnt, so droht Erschlaffen,
Nur wer bereit zu Aufbruch ist und Reise,
Mag lähmender Gewöhnung sich entraffen.

Es wird vielleicht auch noch die Todesstunde
Uns neuen Räumen jung entgegen senden,
Des Lebens Ruf an uns wird niemals enden…
Wohlan denn, Herz, nimm Abschied und gesunde!

 

 

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