Leben

Leben eben

So, das wird jetzt mal ein längerer Beitrag und damit fangen wir an, mit dem Toilettenselbstportrait von vor 10 Jahren 😎  auf der Arbeit, echt jetzt, da hatte ich meine Kamera neu und sie überall mit hingeschleppt und dort gab es große Spiegel und ich dachte, mach ich doch einfach mal ein Portrait 😉 gesagt getan, es entstand das:

behoerdenoertchen

Ende 40 war ich da, arbeitete noch in der IT und mein Mann lebte auch noch. Lange ist es her. Dann starb er. Und dann kam das:

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Und dann wurde ich durch die medizinische Mangel gedreht und nachdem ich zwischenzeitlich dachte, ich komme nie wieder ans arbeiten, stehe ich heute wieder auf dem Behördenklo, diesmal mit einem Handy, und dann sieht das so aus:

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Ende 50. Kinder wie die Zeit vergeht. Es ist viel passiert. Verdammt viel. Damit meine ich jetzt nicht mal alleine den Krebs. Sondern das Leben überhaupt. In mir ist viel passiert. Ich wollte, seit ich denken kann, immer alles verstehen, bis zur absoluten Nervgrenze meiner Eltern 😋 kaum 4 Jahre alt, hing ich meinem Vater tagelang am Bein, er solle mir bitte eine Uhr von innen zeigen, ich wollte wissen, was dadrin tickt und warum die weiß, wie spät es ist. Vater ließ sich, zum Entsetzen seiner Mutter, meiner Oma, dazu erweichen und zerschlug einen Wecker mit einem Hammer. Über dem Kohlenkasten. Ich kann noch heute meinen vor Aufregung rasenden Herzschlag spüren! ENDLICH WEISS ICH BALD, WARUM EINE UHR TICKT!! Und dann sah ich all die kleinen drehenden Rädchen und die kleinen Federn und dann wollte ich mehr wissen… leider blieben viele Fragen offen und mangels Internet musste ich warten, bis mir jemand erklären konnte, wie das da genau funktioniert.

Ich will immer noch alles wissen. Jetzt nicht mehr mechanisch 😎 sondern ich will wissen, warum tickt der Mensch mal so, mal so, warum ist die eine so, der andere nicht… und vor allem: warum bin ich, wie ich bin?

Früher dachte ich immer alle starten gleich, alle haben ein Haus, einen Garten, eine zickige Schwester und Oma und Opa. Alle feiern Weihnachten und fahren im Winter so gerne mit dem Schlitten den großen Berg im Dorf hinunter…

Kinderdenke. So, wie ich nicht verstehen konnte, dass mein Opa nicht verstand, warum das Christkind JEDEM Kind auf der GANZEN WELT zur SELBEN ZEIT ein Geschenk bringen kann. Opa kam mir mit Logik. Dabei war es doch logisch, dass das Christkind das kann. Punkt aus. Opa hat es noch eine Weile versucht, aber gegen meine Kinderlogik kam er nicht an 😜 hat er mir doch schon die Sache mit dem Ä nicht richtig erklären können 😜 aber das ist eine andere Geschichte.

Was ich meine ist, ich dachte, alle ticken gleich. Ich wusste noch nichts vom Leben und versuchte erst zu verstehen, wie die Regeln sind. Ziemlich schnell begriff ich, dass es sichtbare und unsichtbare Regeln gibt. Und dass die unsichtbaren schlimmer sind. Denn über die redet keiner, nach denen darf man nicht fragen, man bekommt sie nicht erklärt und kann auch nichts darüber lesen, aber wehe, man übertritt sie.

Ich begriff, dass alle Familien andere unsichtbare Regeln haben und man nie wissen kann, welche grade gelten. Bei uns zu Hause galt die unsichtbare Mutterregel: sie hatte immer Recht! Immer! Immerimmer!! Sie war der Mittelpunkt! Immerimmer!! Immerimmerimmer!!!

Heute weiß ich, Mutter war Borderlinebetroffene, bis mir das klar gemacht wurde, sind viele Jahre der Unsicherheit und des Zweifels ins Land gegangen. Und des Gefühls, falsch zu sein. Denn wenn Borderliner eins können, dann abwerten. Wie schrieb ich in einem meiner letzten Posts: „Sie lieben diejenigen ohne Maß, die sie ohne Grund hassen werden.“

Ich habe eine Affinität zu Borderlinern, das ist wahr, ich mag sie. Ich komme wirklich gut mit ihnen klar, ich bin das immer, weil ich es gelernt habe. Aber klar kommen heißt: draufzahlen. Immer. Wohlgemerkt, ich bin die Tochter einer Borderlinerin, nicht die Therapeutin. Ich muss kein Verständnis haben für ihre Hassanfälle. Es hat lange gedauert, bis ich Verständnis hatte für mich. Bis ich ihren Abgrund in meinem Leben einsortiert bekam. Bis ich mich nicht mehr wehren musste. Bis ich, und das ist das einzige, was wirklich hilft, gehen konnte (natürlich kann man auch bleiben, aber dann wird man immer damit konfrontiert und das will ich nicht mehr).

Es gibt ein ziemlich gutes Buch zum Thema Missbrauch, das Cover alleine zeigt deutlich, worum es geht:

tagnacht

Denn das war meine Mutter, die strahlende, nach außen starke und taffe Geschäftsfrau, der alles gelang, die erfolgreich ihr Leben managte…

…und nach innen dieses furchtbar einsame, verlassene, hilflos umherirrende kleine Mädchen…

Herzzerreissend! Ja, das ist es. Doch ich war ihre Tochter. ICH  war das kleine Mädchen, nicht mehr sie. Ich. Aber das ging so oft unter, wenn sich ihre Dunkelheit meldete, wenn sie ihre Hassanfälle bekam und wenn sie abwertete. Und Borderliner können abwerten. Da macht ihnen keiner was vor.

Wie auch immer, ich habe Frieden mit ihr geschlossen. Schon lange. Ich habe mich befreit, es hat mich viel Kraft gekostet, aber es ist mir gelungen.

Das alles ist in den letzten 10 Jahren geschehen. Der Krebs war da nicht mal das Schlimmste, obwohl Krebs schlimm ist. Keine Frage. Ich habe mich aus allem rausgewühlt. Ich hoffe, ich habe das Schlimmste jetzt überstanden. Das hört sich so furchtbar dramatisch an, aber so meine ich es gar nicht. Es war anstrengend. Das meine ich. Aber es war das Leben. Das ist mein Leben. Leben eben. Da gehört alles mögliche dazu. Und bei mir halt das alles. Inclusive Krebs. Bei anderen anderes.

Es ist vorbei. Das ist meine Karte. Karte? Das erzähle ich Euch das nächste Mal.

Jetzt kommt mein Opa und das Ä 😉

Ich sitze auf einer Decke auf dem Boden im Wohnzimmer. Ich darf die Decke nicht verlassen, hat Oma gesagt, vorher muss der Sand abgeklopft werden. Überall ist Sand. In den Strümpfen. Sogar im Unterhemd. Ich warte auf Oma. Aber die kommt nicht. Ich lege mich auf die Decke. Opa liegt auf dem Sofa. Wir gucken Fernseher. 

Ein Mann liest vor. Das ist langweilig. Er liest Lottozahlen vor. Von gestern. Und er sagt “Ohne Gewähr”. 

“Opa? Warum sind Lottozahlen ohne Pistole?” 

Opa setzt sich auf und guckt mich an. “Ohne Pistole? Wie kommst Du denn auf sowas?” 

“Der Mann hat doch gesagt, das ist ohne Gewehr.”

Opa lacht ganz laut. “Nein, Kind, damit ist kein Gewehr gemeint. Gewähr, mit ä.” 

“Was ist ein ä?” 

“Das ist ein Buchstabe. Wenn Du in die Schule kommst, dann lernst Du das alles. Ein Gewehr mit e ist was anderes als Gewähr mit ä.” 

“Können die beide schießen?” 

“Nein! Das Gewehr mit e kann schießen, Gewähr mit ä meint Gewährleistung, kennst Du das Wort?” 

“Nein, kann das schießen?” 

“Gott Kind, hör mit Deinem Schießen auf!” 

“Aber wieso sagen die dann, die Lottozahlen sind ohne Pistole?” 

“Gewähr! Er hat Gewähr gesagt, nicht Pistole!!” 

“Aber eine Pistole ist wie ein Gewehr, nur in kleiner.” 

Opas Gesicht wird ein wenig rot. Er guckt mich ernst an. “Kind, ein Gewehr kann schießen, und Gewähr mit ä meint Sicherheit, ohne Gewähr heißt also, ohne Sicherheit!“

Das verstehe ich. Weil wenn man ein Gewehr hat, ist man sicher. Dann kann man schießen. Aber wieso muss man bei Lottozahlen schießen? Das verstehe ich nicht.

“Opa, heißt das, dass die sicher sein müssen bei den Lottozahlen?” 

“Ja! Ja genau, die können nicht mit Sicherheit sagen, ob die stimmen.” 

“Und darum schießen die?” 

“Die schießen nicht!!!!” schreit Opa “bei Gewähr mit ä schießen die nicht!!!!”

“Und woher wissen die, ob das Gewehr ein ä hat oder nicht?”

Opa guckt mich ganz komisch an. Er legt sich wieder hin und sagt kein Wort. 

Oma kommt rein mit einem Tuch, ich soll mich ausziehen und den Sand abklopfen. “Oma, Opa hat gesagt, bei den Lottozahlen haben sie keine Pistole.” Oma guckt Opa an. “Was Du dem Kind wieder alles erzählst.” Opa sagt nix. Ich glaube, er wird eine ganze Weile nichts sagen. Er guckt nur an die Decke. Und ich überlege, warum die beim Lotto kein Gewehr haben und doch schießen müssen. Aber ich frage Opa nicht. Ich glaube, er weiss auch nicht so genau warum.

5 Gedanken zu „Leben eben“

  1. Ich finde es sehr mutig von Dir so persönliche Dinge in einen Blog reinzuschreiben.
    Ich wäre dafür zu introvertiert. Als die Sendung „Big Brother“ vor 15 Jahren das erste
    mal ausgestrahlt wurde, war die sehr umstritten damals, weil manche nicht verstanden
    haben, wie man in der Öffentlichkeit so viel von sich Preis geben kann. Die Leute, die bei
    Big Brother mitgemacht haben, haben danach berichtet, dass sie irgendwann vergessen haben
    dass die Kameras da sind und Millionen Zuschauer alles mitbekommen.
    Ich frage mich, ob das beim Blogen
    im Internet so ähnlich ist, dass man irgendwann vergisst, dass man öffentlich schreibt und viele
    fremde Leute mitlesen und dann vielleicht mehr persönliches preisgibt als man eigentlich wollte.

    LG

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    1. Das, was ich hier schreibe, wissen alle meine Freunde und ich habe nun wahrlich kein Millionenpublikum 😜
      Nein, ich weiss schon, was ich tue und so mutig ist es nun auch wieder nicht 😎

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