Nachwirkungen

mit ohne Haare oder wie man sich um…

…das Wörtchen Glatze drückt 0110E8~12

 

In dem Film, den ich gestern gesehen habe „Heute bin ich blond“ ging es ja nun um Perücken. D.h. die junge an Krebs erkrankte Frau mit wunderbar dichten und langen Haaren wollte nicht wie eine Playmobilfigur aussehen mit der Perücke, die man ihr verpassen wollte, als die Haare ausgefallen sind. Ihre Freundin schleppte sie in einen guten Perückenladen und heraus kam eine junge fesche Frau mit den unterschiedlichsten Frisuren in allen möglichen Farben.

Ok, ich war erst etwas irritiert, schließlich kostet das Zeug Geld, aber in dem Film kam auch rüber, dass ihre Eltern nicht grad arm sind. Somit war das kein Problem, den Laden mit x Perücken wieder zu verlassen. Geld war sowieso kein Problem in dem Film irgendwie. Aber das ist jetzt ein anderes Thema.

Ich habe mich jedenfalls damals gegen eine Perücke entschieden. Ich wollte einfach keine und wenn man mich fragte warum, ja warum? Meine Mutter hatte Jahre zuvor auch Krebs und sie hatte sich eine Perücke gekauft, ein schönes Teil, stand ihr auch richtig gut, aber sie hat sie nie getragen. Es juckte. Es zwickte. Es war viel zu warm. Sie hat sie dann einfach auf dem Perückenkopf gelassen und ist mit Mütze rumgelaufen.

Ich wollte nicht das gleiche erleben. 400 Euronen ausgeben für nix. Aber das alleine war es nicht. Ich kann das nicht genau beschreiben, es war, als würde ich etwas manifestieren. Was natürlich nicht stimmt, schließlich wachsen die Haare ja wieder, aber ich hatte damals das Gefühl, wenn ich mir eine Perücke kaufe, dann normalisiere ich die Krankheit. Hört sich das jetzt blöd an? Vielleicht stimmt es auch so nicht, mir fällt kein anderes Wort ein.

Ich hatte immer eine Mütze auf (zum Glück war Winter) oder so Kappen aus dem Orient, die Frauen unter dem Kopftuch tragen, wenn sie etwas moderner aussehen wollen. Oder Turbane. Oder Tücher. Natürlich sah man da direkter, dass ich offensichtlich Krebs habe, bei einer guten Perücke hätte man das vielleicht sogar gar nicht gesehen. Das war mir aber alles egal.

Ich wollte ums Verrecken keine Perücke. Und ich kann es nicht genau erklären warum, es ist so ein Manifestiergefühl, so ein … keine Ahnung, Gefühl eben. Mit Perücke kam ich mir bedauernswerter vor und wenn ich eins nicht ertragen kann, dann bedaudert zu werden.

Was natürlich quatsch ist. Niemand bedauernt einen, weil man extra eine oder extra keine Perücke trägt. Das ist ein Gefühl. Und ich fühlte es so. Nicht bei anderen, nein, nur und ausschließlich bei mir. Es hat nur was mit mir zu tun. Keine Perücke garnienicht, niemalsnie.

Als mir die Haare anfingen auszufallen, habe ich gleich den extra zuvor gekauften Rasierer geschnappt und alles abrasiert. Erst eine Hälfte. Wollte sehen, wie schrill das aussieht, so halb kahl 😜 sah schräg aus 😉 und dann alles ab und Mütze auf. Nein, es ist mir nicht schwer gefallen. Nein, ich habe nicht gelitten. Ich bin so ein furchtbar pragmatischer Mensch, das ist nicht immer gut, aber da war es gut, ich wusste, das muss jetzt sein, da musste jetzt durch und dann wird es wieder gut.

Die haarlose Zeit ging vorüber. Wie vorhergesagt, wie bei meiner Mutter auch. Ich hätte vorher niemals gedacht, dass ich damit so locker umgehe, aber es war so. Zum Glück, denn das ist bei weitem nicht das schlimmste, was man auszuhalten hat. Nun wirklich nicht. Viel schlimmer ist, dass sich durch die Chemo die Zähne lockern können, wie bei mir, und wenn man da eh schon Probleme mit hat, wie ich, dann fallen sie aus. Die Chemo lässt die Schleimhäute leiden, die Haut leiden, die Fingernägel klappen nach oben. Dann die Bestrahlung, die knipst alle Energielampen aus, alle, und wenn ich sage alle dann meine ich alle, auch sie lässt die Haut leiden…

Mit ohne Haare? Lächerlich. Die wachsen wieder. Weder tut das Ausfallen weh noch schmerzt das Nachwachsen. Aber Zähne schmerzen und sind teuer. Haut schmerzt. Müdigkeit haut vom Hocker. Von den Nebenwirkungen der Aromatasehemmer schweige ich jetzt mal einfach.

Mit ohne Haare? Wirklich lächerlich. Nur das Wort Glatze, das mochte ich nicht leiden, das mochte ich sowas von nicht leiden. Warum? Keine Ahnung. Das sollen die Psychologen unter Euch rauskriegen 😛 mir kam es jedenfalls nie über die Lippen 😎

IMG00508-20120705-1611Aufgenommen in der Umkleide für die Strahlentherapie. Das erste Mal ohne Mütze. Was war ich stolz 010104ok

7 Gedanken zu „mit ohne Haare oder wie man sich um…“

  1. hallo schönen guten tag,
    hab den film auch gesehen und ähnliches gedacht wie du. im gegensatz zu dir, weiß ich aber nicht, wie man sich fühlt, wenn man krebs hat, bin gesund (jedenfalls weiß ich nix gegenteiliges). finde es schön zu hören, dass die sache mit den haaren für dich eher eine randerscheinung war. ich stells mir nämlich auch so vor. klar, ist nicht toll, aber nix im vergleich zu den dingen, die man erleidet, wenn man sich der ganzen therapiequälerei unterzieht. wie gesagt, ich habs nicht am eigenen körper erlebt, aber ich war dabei, daneben gestanden sozusagen. vielleicht ist die sache für so junge mädchen ja doch was anderes, als für frauen, die schon älter sind. darüber mag ich nicht urteilen. tatsache ist, dass bei so einer krankheit jeder seine ganz eigene hölle durchlebt und durchleidet. ein freund von mir hatte am meisten mit fisteln im mundraum zu kämpfen. nicht die metastasen, die er überall im körper hatte, waren sein alltägliches problem, sondern die tatsache, dass sein mund die ganze zeit weht tat.
    ich höre oft, dass krebskranke menschen kein mitleid wollen, aber damit kann ich nicht dienen. dieses mitleid stellt sich ganz von selbst ein, ob man will oder nicht. jedenfalls ist das bei mir so. mir tun die menschen leid, die sich so quälen müssen und nicht mal wissen, ob das am ende nützen wird. sorry, mir tut das leid. wobei mitleid ja nicht gleichbedeutend ist mit drüberstehen oder den anderen entmündigen. das sind zwei paar stiefel.
    wie auch immer: es freut mich ganz arg, dass du das alles gepackt hast, dass du lebst und liebst und spaß hast und angst und dass du traurig bist und fröhlich. halt das fest so gut du kannst. und sei nett zu dir, du hast es verdient.
    viele grüße und alles gute
    susanne

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    1. Hallo Susanne! Danke für Deinen liebe Worte und ja, natürlich ist das mit dem Mitleid in Ordnung, das ist ja auch, also ich empfinde das so, eine sehr empathische Reaktion. Ich glaube, das hat was mit mir und meiner Familie zu tun, geholfen kriegen und so, das kann ich ganz schlecht. Ganz ganz schlecht. Wir durften nie „leiden“ bei uns zu Hause und darum ist das Mitleid irgendwie für mich so schlecht auszuhalten, weil dann muss ich ja leiden, wenn jemand mitleidet… so in der Art. „Stell dich nicht so an“ hieß es. Darum kann ich das so schlecht aushalten. Jeder hat seine eigene Geschichte und dass das bei uns so war hat was mit Behinderung und Nazizeit zu tun, eine gausliche Zeit, die in Familien über die Generationen hinweg viel kaputt gemacht hat. Ganz abgesehen von den millionenfachen Morden…
      Doch das ist ein ganz anders Thema.
      Jedenfalls lieben Dank für Deine netten Worte und einen guten Rutsch wünsche ich aus dem Neanderthal!
      Samate

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  2. liebe samate,
    jaja, familien und ihre geschichten – das ist ein weites feld und oftmals ein ziemlich unschönes. wirklich krude verhaltensweisen und einstellungen werden da weitertransportiert und wirken so weit und so nachhaltig, dass man oft erstaunt ist, wie sehr man selbst davon be- bzw. getroffen ist. nichtsdestotrotz sollte man nicht aufhören, seine eigenen maßstäbe anzulegen, seine eigenen als richtig erkannten dinge zu leben und die falschen in die tonne zu treten. ist nicht einfach, ich weiß, aber hilfreich. oh mann, jetzt klugscheißere ich hier rum, aber es macht mich immer ein bisschen wütend, wenn menschen so hart zu sich selbst sind. menschen wie du, die sowieso schon die volle breitseite abbekommen und sich dann auch noch selbst kritisieren. anders gesagt: wer sollte denn leiden, wenn nicht du? wer hätte denn ein anrecht auf mitgefühl und hilfe und zuwendung und streicheleinheiten, wenn nicht einer, dem so eine diagnose den boden unter den füßen wegzieht? wie gesagt, ich war nie in dieser situation. aber ich war krank, sehr lange und auch wenn es nicht vergleichbar ist, so habe ich doch ein bisschen ranfühlen können an das, was es bedeuten muss. mal ganz abgesehen von den vielen, fiesen nebenwirkungen der ganzen therapien, ist es doch diese ständige angst, die einen mürbe macht, die einem ständig den brustkorb abschnürt, einem einen dauerkloß in den hals setzt. diese angst legt sich doch wie eine staubschicht auf alles, was man tut. sie ist immer da und man verliert das letzte bisschen unbeschwertheit, das man noch hatte. wenn das kein grund ist zu weinen, zu jammern, zu schimpfen, dann weiß ich nicht, was es sein könnte. das leiden ist doch schon schlimm genug. und dann die kraftanstrengung, das auch ja nicht zu zeigen – kommt mir irgendwie pervers vor. meine kleine erfahrung sagt mir, dass man dringend hilfe braucht. menschen, die da sind, bei denen man nicht die taffe, tapfere spielen muss, sondern bei denen man sich fallen lassen kann und so klein sein darf, wie man eben ist. genau diese menschen wünsche ich dir. und dass du es nehmen kannst ohne schlechtes gewissen. lass dich in den arm nehmen. das ist neben all der chemie, die du brauchst, genauso wichtig, um mit so einem mistkrebs fertig zu werden. und das gilt auch für die zeit danach, wenn dein körper keine krankheit mehr zeigt. das, was du erlebt hast, das hat sich eingebrannt und ist nicht zu ende, wenn alle bösen zellen niedergerungen worden sind. es sitzt in deiner seele, in deinem kopf, in deinem gefühl. damit muss man dann auch noch fertig werden und das stelle ich mir beileibe nicht einfach vor. bitte, lass dir helfen von denen, die es gut mit dir meinen und vergiss die, die alten mist immer nur wieder aufwärmen.
    mannmannmann, da hab ich jetzt aber mal gezeigt, dass ich weiß, wie das leben geht. tu ich leider gar nicht, aber das musste jetzt sein.
    eine frage noch: wie geht es deinem felltragenden kleinen hundekumpel? ich hab hier auch so ein exemplar neben mir auf der couch liegen und mag gar nicht daran denken, wie es einmal sein wird, wenn er alt und krank und hinfällig wird…
    wie auch immer du heute silvester feiern wirst: lass es dir gut gehen. am besten du feierst nicht das neue jahr, sondern dich selbst. hast verdammt viel geleistet und tust es immer noch.
    s.

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    1. Hallo Susanne, gestern wollte ich noch schreiben, meinen kleinen Freund geht es wieder besser, wir haben sogar einen Neujahrsspaziergang gemacht, er mit neuem Mäntelchen, weil er doch so klapperdürr ist und immer friert, heute dann ist er zweimal zusammen gebrochen, kann jetzt kaum noch laufen, es geht zu Ende. Ich hoffe so sehr, er kann von alleine gehen! Er leidet nicht. Der Tierarzt begleitet ihn, kommt sogar nach Hause. Jetzt liegt er da und ich passe auf ihn auf und streichele ihn, wenn ich aufhöre, kommt sofort sein Pfötchen, ich sage ihm immer, dass er gehen kann. Ich hoffe, er kann es bald!
      Traurige Grüße!

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      1. liebe samate, das ist so so traurig. und so so schön, denn ich bin sicher, dass das kleine fellknäuel kein besseres leben hätte haben können als bei dir, die ihm das pfötchen bis zum schluss hält. er war ein glücklicher hund und ihr hattet eine feine zeit zusammen. ich weiß, das alles wird nicht die bohne helfen, wenn du um ihn weinst. weil du ihn vermissen wirst. leider wird es dauern, bis das wehtun besser wird. aber es wird kommen, ganz sicher. halt durch. deinem kleinen freund wünsche ich, dass er – bis er geht – keine schmerzen spürt, sondern nur deine nähe, die ihm geborgenheit gibt bis zum schluss.
        ich denke an euch zwei.
        s.

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  3. Was anderes:
    Ich hatte in der Zeit ja auch einige ganz unterschiedliche Perücken. Aber die hatte ich im Afro Laden um die Ecke gekauft und keine davon war teuer. Klar ist die Qualität eine andere, aber ich habe die ja auch nur über einen absehbaren Zeitraum benutzt und wirklich schlecht, war keine. Diese Perückenspielchen gehen also zum Glück auch mit wenig Geld 🙂 Mir hat das diese Chemo-Zeit auf jeden Fall leichter gemacht und ich glaube, meinem Umfeld auch.

    Guten Start in das Neue Jahr
    sue

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