Krebsgedanken, Leben, Liebe

das Geschenk der Ungewissheit

Der erste sonnige Sonntag in Düsseldorf und alles war auf den Beinen. Wir auch, schließlich hatten wir einen Jahrestag zu feiern 😉 wir wollten Eis essen gehen, aber das ist uns am Rhein nicht gelungen. Also dachten wir, marschieren wir etwas weiter Richtung Innenstadt, aber auch da waren die Schlangen eine halbe Stunde Wartezeit lang:

IMG_1639

So betrachteten wir die Drachen, die am anderen Rheinufer in der Luft schwebten:

IMG_1631 IMG_1643 und einen ganz mutigen Wasserartisten, der immer da, wo die meisten Menschen standen, schnelle Pirouetten drehte 😉 IMG_1623 sowie zwei Erpel, die sich wohl bald auf die Suche nach Gefährtinnen machen 😉 IMG_1642

und dann konnte ich von weitem noch mein Büro sehen 😉

IMG_1644

Es war ein schöner Tag. Eis gegessen haben wir auch noch, allerdings bei meinem Freund um die Ecke, und auch da musste man warten, allerdings nicht so lange wie am Rhein, doch der Eiscafebesitzter strahlte mit der Sonne um die Wette, seine Einnahmen waren bestimmt großartig 😉

Ein schöner sonniger Tag. Wir sprachen darüber, dass wir nun ein Jahr zusammen sind. Wir sprachen über dieses Jahr und über die nicht immer leichten Jahre davor. Und wir sprachen über unsere Dankbarkeit, dass es so ist, wie es ist. Und wir sprachen über Krebs.

Krebs verändert die Sicht auf das Leben. Vorher lebte man in dieser wunderschönen Ungewissheit. In der jeder lebt, denn keiner weiß, was morgen passiert. Täglich lesen wir von Unfällen, glauben wir wirklich alle, es träfe uns nicht? Wir wissen es nicht und das ist gut so.

Mit der Krebsdiagnose gerät diese Ungewissheit ins Wanken. Wenn wir Glück haben und eine Chance auf Heilung, dann haben wir auch wieder eine Chance auf diese Ungewissheit. Mit einer veränderten Sicht auf die Dinge, aber eben auch mit einer neuen Chance. Haben wir weniger Glück, wird diese Ungewissheit wohl nie mehr zurück kehren.

Das Glück ist fragil geworden. Aber umso schöner. Mein Glück jedenfalls. Ich habe schwere Zeiten hinter mir, 2010 bin ich Witwe geworden, ein Jahr vor dem Krebs, und die letzten Jahre vor Hajos Tod waren manchmal alles andere als leicht. Er hat wirklich sehr gelitten. Das war manchmal furchtbar.

Dann kam mein Krebs. Dann kam die Therapie dagegen. Ich habe mich allem gestellt. Ich habe die Ungewissheit wanken lassen und das erste Mal in meinem Leben bemerkt, wie schön sie doch ist. Wie schön es ist, nicht wissen zu müssen. Nun musste ich wissen. Ich wurde in Apparate geschoben und die Möglichkeit einer schlechteren Prognose in Aussicht gestellt. Das bewahrheitete sich nicht, die Ungewissheit wurde wieder ein wenig steter in ihren Bewegungen.

Als mein Professor alle Diagnosen in Händen hielt, wusste, um was für einen Tumor es sich handelte und die Vorschläge der Tumorkonferenz gelesen hatte, meinte er lächelnd zu mir „man muss auch mal Glück haben“ und ich weiß erst heute so richtig, was das für mich bedeutet hat.

Ich hatte wieder eine Chance auf das Geschenk der Ungewissheit.

Und das allererste Mal in meinem Leben habe ich gesagt: Ich will leben!

Vorher war das alles selbstverständlich. Heute ist es ein Geschenk. Mein Lebensgeschenk.

Es ging mir besser, nicht nur körperlich, auch seelisch. Ich suchte mir ja schon sehr schnell eine Psychoonkologin. Eine meiner besten Entscheidungen!!

Und vor anderthalb Jahren, ich lebte ganz alleine in meinem großen Haus, fasste ich Mut. Ich war nun 54 Jahre alt, ich habe schwere Zeiten hinter mir, ich habe mich dem Krebs gestellt, ich wollte sogar wieder arbeiten gehen, ich war wieder glücklich mit meinem Leben. Und ich hatte den Mut zu sagen, ja, ich möchte in einer Partnerschaft leben. Ich möchte das. Das ist mein Wunsch.

Was macht man, wenn man sich was wünscht? Man spricht es zunächst aus. Ich wünsche mir … ein Stück Schokolade 😉 nur dass meine Schokolade zwei Beine haben sollte und männlich sein und nett und irgendwie so 😉 Ja und nun?

Mein Mut meldete sich wieder und so erschien Ende 2013 im Zeitmagazin folgende Anzeige:

wirklicher Partner – Ich bin 54, liebe mein Leben, ich liebe Weihnachtsbäume und Bücher. Ich liebe meine Familie, ich bin gesund, war schwer krank, ich bin verwitwet. Ich rauche nicht, trinke wenig, esse gerne, koche noch lieber und schlafe mit meinem Hund in einem Bett. Und nun suche ich einen Mann, der dazu passt. Der Hunde mag und das Leben, der gerne redet und zuhört und seine Mutter mag. Und Weihnachten und den Orient und mich.

Und mir schrieb ein Mann. Dass er gar nicht sucht. Dass er die Zeit nicht liest, aber von seinem Freund ein Exemplar mitgenommen hat. Dass er die Anzeigen im Zeitmagazin wirklich noch nie gelesen hat, aber diese eine ihm warum auch immer aufgefallen ist. Dass ihn meine Worte berührt haben und er mir Glück wünscht.

Darüber habe ich mich sehr gefreut.

Und ich bekam einen Brief von einer Frau, die schon lange glücklich verheiratet ist, die sich aber auch von meinem Worten angesprochen fühlte und mir Glück wünschte. Beiden antwortete ich und bedankte mich für die netten Zeilen.

Ich fühlte mich gut. Ich habe meinen Wunsch ausgesprochen und mir haben zwei nette Menschen Glück gewünscht und nun kann doch wirklich nichts mehr schief gehen… und dann antwortete mir der Glückwunschmann wieder und ich antwortete wieder und er antwortete wieder und ich…

…habe mich am 24. Februar 2014 am Telefon in Hamburg in seine Stimme verliebt und am 8. März haben wir uns das erste mal getroffen, nach Zillionen eMails und Trillionen Telefonanten und da stand er vor mir: mein Schokoladenmann!

12 Kilometer wohnen wir auseinander, ey Leute, da hat doch jemand dran gedreht 😉 das kann mir doch keiner erzählen 😉

Wir sind glücklich, dass wir uns haben. Wir sind dankbar, nach all den Wirrungen und Irrungen und nach all der Schwere ein neues Glück leben zu dürfen.

Ich bin dankbar für das Glück bei meinen Diagnosen. Möge es mir erhalten bleiben. Ich bin dankbar für den Mut meiner Suche nach dem Schokoladenmann 😉 Ich bin dankbar für seine Antwort. Ich bin dankbar für das kleine bisschen Ungewissheit, was mir erhalten geblieben ist und dass ich da meinen Wunsch nach Leben entgegensetzen konnte. Und meinen Wunsch nach Liebe.

Wie bin ich eigentlich auf all das gekommen? Ach ja, wir wollten Eis essen gehen… 😉

4 Gedanken zu „das Geschenk der Ungewissheit“

  1. Hier in Hamburg sah es überall wo es Eis gibt, genauso voll und überlaufen aus. Die Sehnsucht muß wohl sehr, sehr weit verbreitet sein. Nach Sonne, Wärme und Eis essen 🙂

    Tja und mit der Wärme und den Sonnenstunden, steigen auch die Hormonspiegel 🙂

    lieben gruss
    sue

    Gefällt mir

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

Diese Seite verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden..