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Bachgedanken

Ich war eben mit meinem kleinen Hund am Bach (die Große ist bei meiner Freundin) und habe das erste Wiesenschaumkraut mitgebracht, was dieses Jahr blüht. Ich liebe Wiesenschaumkraut. Ich liebe diesen Bachlauf und die Spaziergänge mit meinen Hunden. Dort kann ich so gut meinen Gedanken nachhängen und meine Seele baumeln lassen, es ist so schön.

Als mein Mann starb, bin ich jeden Abend dort lang gegangen und habe mit ihm geredet. Es war September, die Stimmung war schon herbstlich und Wolken waren am Himmel, eigentlich schön, doch mir ist diese Zeit sehr schwer gefallen. Abschied nehmen.

Genau ein Jahr später bin ich wieder dort entlang gegangen, wieder war es herbstlich und wieder musste ich Abschied nehmen, nämlich von meiner Gesundheit. Ich hatte Krebs.

Ich bin gerne da, immer noch und immer wieder,
am liebsten im Herbst, wenn die Winde über die
Felder wehen und das Gras hoch steht
 oder auch im Winter, wenn alles Leben
irgendwie zum Stillstand zu kommen scheint
und natürlich im Sommer, kurz nach der Ernte
(unten rechts bin übrigens ich
also mein Schatten)
aber am allerliebsten in der Dämmerung

wenn der Tag sich verabschiedet und die Gedanken langsamer werden und leiser. Abschied ist auch jetzt wieder ein Thema in meinem Leben, im Leben meiner Familie. Mutter hat Alzheimer, sie ist, ich sage mal, im Endstadium, oder wie soll ich es nennen, ich weiß es nicht. Sie kann nichts mehr, und wenn ich nichts sage, dann meine ich NICHTS.

Ich lese grad das Buch von und über Agneta Ingberg „Am Ende des Gedächtnisses“ die mit Hilfe ihrer Freundin Birgitta über ihre Alzheimer-Erkranung schreibt. Dort berichtet sie von einem Buch, welches sie gelesen hatte „Wie wir sterben“ und dass dort stehe, dass es bei der Erkrankung Alzheimer kein Sterben in Würde gebe.

So ist es.

Mutter hatte auch Brustkrebs, wie gerne würde ich mit ihr nun darüber reden, über ihre Erfahrung, die Chemo, die Bestrahlung, wie es bei ihr war, wie es bei mir war, über unsere Ängste und Hoffnungen. Aber das geht nicht.

Ich habe mich entschlossen, über die Erkrankung meiner Mutter zu schreiben, vor zwei Jahren habe ich einfach angefangen, ich wollte das für uns tun, damit wir nicht vergessen, wie Mutters Vergessen uns alle verändert hat. Dann berichtete Vater mir von einer Talkshow über Demenz, die er im Fernsehen gesehen hatte und da wusste ich den Titel „Die Tage des weißen Elefanten“. Es wird ein Buch werden und das Schreiben fällt mir leicht und schwer. Es tut mir gut und es schmerzt mich.

Wenn ich über all das nachdenke, dann merke ich, dass ich alt werde. Die jugendliche Unbekümmertheit ist hinfort, und das liegt nicht nur an meinem Krebs. Es liegt am Leben überhaup und vielleicht ist das ja auch der Sinn der Sache. Alt werden. Nicht mehr jung sein. In einer Zeit, in der Jugend zum Kult erhoben wird und Menschen furchtbare Operationen über sich ergehen lassen, um, wenn schon nicht mehr jung zu sein so doch wenigstens jung auszusehen, wahrlich kein leichtes Unterfangen. Ich habe keine Angst alt zu werden, ich hatte zwei wundervolle Großmütter als Vorbilder. Ich beginne nur zu verstehen, warum viele Menschen alles tun würden, um die Spuren des Alterns unsichtbar zu machen (wobei das ja nix nützt), denn

alt werden ist nix für Feiglinge.

Echt nicht!

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Perfektionistische Einschränkungen

Zwei Arbeitstage habe ich nun hinter mir, wobei ich das gar nicht Arbeitstage nennen möchte, weil ich doch nur 3 Stunden da bin, in Worten: drei. Es fällt mir so schwer, mich mit den Gegebenheiten der Wiedereingliederung abzufinden, meine ich doch, ich müsste wieder „normal“ funktionieren und normal ist bei mir ja perfekt. Und 3 Stunden an 2 Tagen, ist das perfekt?

JA ICH WEISS, darauf kommt es bei der Wiedereingliederung gar nicht an, es ist ein Arbeitsversuch und mein Arzt und meine Psychoonkologin versuchen ihr Bestes, mir nahe zu bringen, dass ich KRANK BIN. Ich hatte/habe eine Belastungsdepression, die hatte ich schon länger und wegen derer war ich auch schon länger in einer psychosomatischen Klinik. Und obendrauf bekam ich dann Krebs und dann ging erstmal gar nichts mehr.

Als mein Arzt die Wiedereingliederungsvereinbarung ausarbeitete und mir sagte, er schätze die Situation so ein, dass ich zunächst für zwei Tage die Woche drei Stunden… da dachte ich, hä? Was’n das? Arbeiten?

Warum nur habe ich für alle Welt Verständnis aber für mich nicht?

Wie auch immer, ich bin ja durchaus einsichtig und ok, dann machen wir es so, zwei Tage drei Stunden und das wird schon. Und so fing ich letzten Dienstag also an, voller Optimismus (der sich erhalten hat!! YEAH!!) und voller Zuversicht, dass diese drei Stunden bald Geschichte sind und wir das demnächst steigern werden… ich hatte noch gar nicht angefangen, da war ich schon am steigern 😉

Ich kam also ins Büro und war fast zu Tränen gerührt über den herzlichen Empfang, den man mir bereitete. Durchweg alle Kolleginnen und Kollegen waren nett, hilfsbereit und freuten sich. Das war einfach nur schön. Ich hatte auch sofort wieder ein eigenes Zimmer (was bei der Raumknappheit in unserer Behörde nicht selbstverständlich ist) und ein lieber Kollege aus meiner alten Abteilung half mir beim Einrichten. Meine Sachen waren noch in Rollcontainern im Keller. Und dann war der erste Tag auch schon um und ich fuhr nach Hause. Und zu Hause? Fiel ich aufs Sofa und war platt und hatte meine bekannten Warnsignale: Ohrgeräusche. Ich verstand die Welt nicht mehr, da war ich doch nur drei Stunden… und wieso bin ich platt? Und wieso Ohrgeräusche?

Das war der Dienstag. Mittwoch waren die Ohrgeräusche weg und Donnerstag wieder drei Stunden. Vorher Psychoonkologin und mit ihr alles durchgesprochen. Wie ich mit den drei Stunden hadere, wie ich das immer noch nicht einschätzen kann, mich und die Krankheit, wie ich mich immer wieder überfordern will… und Donnerstag nachmittag? WAR ICH PLATT. Aber sowas von platt, so platt war ich schon lange nicht mehr. Aber keine Ohrgeräusche. Es geht also besser.

Madame Perfektionisti hat dann eingesehen, dass das mit den drei Stunden durchaus seinen Sinn hat. Also ich habe es innerlich gespürt, ich kann einfach noch nicht voll arbeiten, ich bin sofort platt. Ich bin krank. Was für eine bahnbrechende Erkenntnis nach Zusammenbruch, Krebsdiagnose, Brust-OP, Chemotherapie, Bestrahlung, medikamentöse Krebsnachbehandlung… was für eine Erkenntnis!!

Nün, ich füge mich also in mein Schicksal und halte das jetzt erstmal aus, diesen Arbeitsversuch, dieses „ich bin nicht pefekt“ und das ganze Psychogedöne da in meinem Kopf und es ist ja nicht so, dass ich keinen Fortschritt spüre, ich werde tatsächlich langsam gelassener gegenüber den perfektionistischen Gedanken da in meinem Kopf. Ich freue mich auf die Arbeit, ich freue mich auf die Kolleginnen und Kollegen, auf das soziale Leben dort, auf meine Akten, meine Fälle, auf alles, und ich spüre ja auch, dass ich mehr nicht leisten kann. Ich habe noch meine Probleme damit, das einfach so zu akzeptieren, aber auch das kriege ich hin. Wozu gehe ich zur Psychoonkologin? Wozu habe ich einen Arzt? Die helfen mir, ich kriege das hin. Ich weiß ja auch, was es ist, was mich perfekt sein lassen will, so ist es ja nicht. So’ne Therapie fördert da schon einiges zu Tage.

Aber es geht mir mal wieder nicht schnell genug 😉 doch auch das werde ich lernen.

Hier mal ein paar Bilder aus meinem Arbeitsleben:

Damit fing es an, ich habe nach meiner Programmiererausbildung über zwei Jahrzehnte in der Informationstechnologie gearbeitet, tief im Keller mit vielen blinkenden Lämpchen und lauten Maschinen und das war ein sehr interessanter Beruf. Die Pionierzeit der EDV, wie das damals noch hieß, es war klasse, einfach nur klasse. Ich habe diesen Beruf geliebt. Und irgendwann war die Liebe vorbei und ich wollte weg…

…und landete in meinem ganz alten Beruf, nämlich als Beamte am Schreibtisch und stellte fest, oh! was für eine schöne Arbeit und ich war wieder glücklich und zufrieden und hatte auch das gesunde Chaos beibehalten, was zur EDV einfach dazugehört, jetzt hatte ich halt Chaos ohne EDV 😉

Und ab und an besuchten mich meine Hunde 😉

Und dann zogen wir ins Stadttor zurück und alles wurde neu und das Chaos wurde weniger und … ich bekam Krebs. Und dann war ich erstmal anderthalb Jahre weg vom Fenster…

…und hab damals wirklich gedacht, ich arbeite niiiiiie weider, niiiiiie wieder werde ich ins Büro gehen, ich werde Frühpensionärin… arbeiten geht gar nicht mehr… aber das hat sich ja zum Glück dann doch geändert!! Und das ist nun mein neues Büro, also es fängt an, es zu sein 😉 ich muss noch die Rollcontainer ausräumen und dies und das und ich freu mich wirklich!! Ich freu mich wirklich sehr darüber, dass ich nun wieder arbeite. Auch wenn es nur 2 x 3 Stunden sind in der Woche, aber auch das wird sich irgendwann ändern, nicht so schnell, wie Madame Perfektionisti es gerne hätte, aber ändern wird es sich!!
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Abschied

Heute habe ich mich von meiner Mutter verabschiedet, ich weiß nicht, ob sie noch lebt, wenn ich das nächste mal ins Wendland fahre. Auf dem Foto hier waren wir grad beim Friseur gewesen, es ist zweieinhalb Jahre her, da war sie noch richtig gut drauf, zwar schon deutlich von Alzheimer gezeichnet, aber sie kriegte noch vieles mit und es ging ihr gut. Es war genau ein Jahr, bevor mein Krebs entdeckt wurde.

Heute geht es ihr beschissen, anders kann ich es nicht ausdrücken, einfach nur beschissen. Sie liegt nur oder sitzt in ihrem Therapierollstuhl, kriegt nichts mehr mit, kann nicht mehr essen, nicht mehr sprechen, sie kann im Grunde gar nichts mehr.

Ich bin nach Hause gekommen, die Sonne strahlte, es ging mir unglaublich gut. Ich fühle mich so wohl hier in meinem Haus, ich habe so viel geschafft, so viel erreicht, auch was den Krebs anbelangt, ich habe ihn in mein Leben integriert. Ich lebe mein Leben und ich lebe es gerne.

Meine Mutter hatte auch Brustkrebs.Wir sind die ersten in unserer Familie, und wir haben uns tapfer geschlagen.

Ich komme also heute nach Hause, da erfahre ich, dass die Nachbarin auf der Intensivstation liegt und ihre Schwiegertochter plötzlich und völlig unerwartet am Aneurysma gestorben ist. Die Kinder sind noch nicht erwachsen.

Ich lebe mein Leben wirklich gerne und ich bin dankbar dafür, dass es so ist, wie es ist.

Ich gehe meinen Weg. Dessen bin ich mir sicher. Die letzten Jahre waren nicht leicht, aber wenn ich eins weiß dann das: ich gehe meinen Weg!