Allgemein

Notfall

Da war ich bis eben, mitten in der Nacht, meine Pillchen habe ich schon intus, nun lege ich mich. Bin erledigt. Blasenentzündung. Ist das unangenehm. Der Arzt, ein lustiger älterer Tscheche, fragte, ob ich das öfters hätte. Nein, einmal erst, in der Kindheit. Grinst mich an und meint, ist das lange her? Nö, sag ich, eigentlich nicht und grinse dreckig zurück. Der gefällt mir.

Naja, hab zu hause noch gedacht, ich halte das bis morgen aus, gehe dann zu meinem Hausarzt, aber es tat immer weher und dann auch noch Blut… ich sah mich schon sterben… Drama…

Gut, so isset. Kein Drama, einfach Blasenentzündung. Wie kommt man an so eine Sch… ?

Provisorikum ist nachgestellt, wackelt nicht mehr, sieht immer noch gut aus. Mannomann, was bin ich eine alte Schabracke mit Zipperlein und Zupperlein und Kunstgrinsen und Krebs und Blasenentzündung und nochwas? Ich finde DAS REICHT.

Blasenentzündungsupdate: Medikamente haben angeschlagen, es geht mir gut, kein Blut, wie gut 😉

Allgemein

Zehn-Jahres-Kalender

Ich habe ein Buch, darin hat jeder Tag im Jahr eine Spalte auf einer Seite, auf Seite 1 ist also der 1. Januar, Spalte 1 von 2009 bis Spalte 10 und somit das Jahr 2018. Ich bin also jetzt in der 4. Spalte angekommen, weil wir 2012 haben.

Gestern sah das ungefähr so aus:

22. September 2009
Hajo und ich waren in einem wunderschönen Lokal in Lindelbrunn in der Pfalz und haben dort die Seele baumeln lassen, es ging uns gut

2010
Mein Mitbewohner hat Hajos Waffe gefunden, mit der er offensichtlich seinem Leben ein Ende setzen wollte

2011
Untersuchungen im Marienhospital, alles soweit ok, „nur“ Tumor in der Brust, weiter zum Glück nix, gutes Gespräch mit meinem Professor

2012
Provisorium der Zähne wackelt, sonst alles ok, ruhiger Abend in meinem Zimmer

Was für ein Auf und Ab!! 2009 der glückliche Urlaub, wir waren in Hajos und mittlerweile auch meiner geliebten Pfalz so glücklich, haben die kleinen Lokalchen so geliebt und oft Stunde um Stunde dort gesessen und sind oftmals einfach nur still gewesen und zufrieden. Trotz seiner Erkrankung, die da auch irgendwie Urlaub hatte, wenn es ihm auch zusehends schlechter ging.

Ein Jahr später und nach einer weiteren dramatischen Verschlechterung seiner Erkrankung war er grad gestorben, mein neuer Mitbewohner, unser langjähriger guter Freund, hatte auf Hajos Schreibtisch eine geladene und entsicherte Waffe gefunden (ich habe Hajos Zimmer bis dahin nicht betreten können, was für ein Glück), ihm fehlte offensichtlich immer mehr die Kraft weiter zu leben. Und wieder ein Jahr später muss ich mich mit meiner Krebserkrankung auseinander setzen, an dem Tag war es ein guter Tag, weil feststand, dass nichts weiter gefunden wurde.

Und heute muss ich mich mit meinen Zähnen befassen, dem Provisorium, bis endlich das Endgültige kommt.

Warum wundere ich mich eigentlich, dass ich erschöpft bin? ICH BIN ERSCHÖPFT.

Wollte ich nur mal laut sagen, damit ich es mir auch glaube.

Allgemein

Breast Cancer Is Not A Pink Ribbon

Sunny brachte mich wieder auf diese Seite über verdammt mutige Frauen, die ich sehr bewundere und denen ich mich verbunden fühle. Ich habe lange über die Fotos nachgedacht, nicht über die operierten Brüste, sondern über die Blicke der Frauen. Mit denen ich das gleiche Schicksal der Diagnose Brustkrebs teile. Jede erlebt das anders und hat auch andere Voraussetzungen. Jede muss sich damit auseinander setzen, dass das Leben so erstmal nicht weiter geht. Weil man weiß ja zunächst nicht, was genau habe ich, wie genau ist es, was genau muss getan werden, was ist notwendig, Chemo? Womit muss ich mich auseinander setzen? Was erwartet mich? Wie ertrage ich die Behandlungen? Wird es mir sehr schlecht gehen?

Letztens saß ich zur Nachkontrolle bei meiner Operateurin und war guter Dinge. Hatte an dem Tag noch einiges vor und freute mich darauf. Dann kam eine Frau mit ihrem Mann. Höchstens mein Alter, vielleicht etwas jünger. Dieser verzweifelte hoffnungslose Blick. Aus den Gesprächen hörte ich, dass „nur“ die Diagnose stand, was genau und wie und so weiter noch nicht. Ich hätte ihr am liebsten gesagt, sei bitte nicht so hoffnungslos, warte doch erstmal ab… aber ich traute mich nicht, ihre Angst mit meiner Tagesfröhlichkeit zu übertünchen. Nichts ist furchtbarer, als in den Momenten der Angst gesagt zu bekommen, dass doch alles nicht so schlimm ist…

So schwieg ich und dachte daran, dass jeder Mensch seine eigene Art hat, mit seinem Leben, mit der Diagnose Krebs umzugehen. Und auch das Recht darauf. Und als ich heute die Blicke der Frauen sah, habe ich wieder daran gedacht. Was macht diese Diagnose mit uns? Wie gehen wir damit um? Wer hilft uns wirklich?

Meine Zahnprobleme sind daneben so klein. Außerdem werden sie wirklich immer kleiner. Kann jetzt das Provisorikum (so sagt mein Vater immer dazu, finde ich lustig) selber rausnehmen und grinse dann in den Spiegel und denke an eine alte Hexe 😉 aber mit Provisorikum sieht richtig gut aus. Muss noch einige Monate damit rumlaufen, bis der Kiefer sich abgearbeitet hat und die Anpassungsprozedur der endgültigen Teile fertig ist. Das dauert nämlich, weil es Millimillimillimeter genau sitzen muss.

Wenn ich dann abends im Bett liege, die geputzten Ersatzteile schützend um meinen arbeitenden Kiefer geklemmt, auf der Seite liege und den Port spüre, dann denke ich, warste nicht erst gestern noch jung und wolltest die Welt erobern… Höhöhöhöööö so kann es kommen.

Allgemein

loslassen

Mein altes Büro. Gibt es nicht mehr. Weder die Möbel, noch das Zimmer, alles weg. Heute denke ich an Abschiede. Wir waren in dem alten Ministeriumsgebäude so glücklich, vorbei. Alles hat sich geändert. Mein Mann ist gestorben. Ich bekam Krebs. Meine Mutter Alzheimer. Gestern habe ich meine Zähne verloren. Mutter kommt demnächst in eine Demenz-WG, weil sie nicht mehr zu Hause wohnen kann. Wieder ein Abschied. Lauter Abschiede. Soviel geht vorbei. So viel muss ich loslassen.

Heute Kontrolltermin bei meiner Zahnärztin, alles ok. Boah war das schrecklich, das Provisorium rausnehmen, schrecklich, wie eine alte Hexe kam ich mir vor. Furchtbar. Schrecklich. Schlimm. Heute ist ein Furchtbarschrecklichschlimmtag. Weil ich an all die Abschiede denke, an all das Vergangene.

Als ich noch in dem alten Büro saß, als meine Welt noch vermeintlich in Ordnung war, wie ging es mir da eigentlich? Kann man sowas vergessen?

Es geht mir heute besser. Skurril, aber wahr. Vielleicht auch, weil ich diese Furchtbarschrecklichschlimmtage zulassen kann.

Das mit meiner Mutter geht mir dennoch sehr nahe. Lange mit Vater telefoniert. Der alles tapfer trägt.

Ich muss ins Bett, sonst verfalle ich noch restlos einer depressiven Stimmung. Morgen wieder Zahnarzt. Alt werden ist nicht einfach. Und mit ohne Zähne schon gar nicht 😉

Allgemein

So…

…der Kieferchirurg ist überstanden, hab grad noch mit dem Anästhesisten (schreibt man das so?) telefoniert, der wissen wollte, wie es mir geht. Echt nett. Jedenfalls geht es mir gut. Wie ich mich fühle sage ich nicht. ICH FÜHLE MICH BESCHISSEN. Provisorium im Mund, fühlt sich an, als habe ich mir einen Kaugummi unter den Gaumen geklebt. Bevor nun die endgültigen Ersatzteile kommen, muss ja erst alles abheilen.

Was für ein Weg! Was für eine Mühsal! Jammer! Jammer! JAMMER! NOCHMAL JAMMER!

So, genug gejammert und selbst bemitleidet, jetzt mache ich mir Tomatensüppchen. Das kann man schlürfen. Boah fühle ich mich alt und kröchelig.

Allgemein

Krankheitsweg

Auf meinem Rechner habe ich ein Verzeichnis das heißt „Krankheitsweg“ und da habe ich nahezu 450 Fotos gesammelt aus der Zeit seit September 2011. Seit bei mir Brustkrebs diagnostiziert wurde. Heute habe ich darin ein wenig rumgestöbert und diese 4 gefunden, die ich Euch zeigen möchte. Ein Foto ganz ohne Haare habe ich nicht, nicht weil ich das nicht wollte, sondern weil ich echt einfach nicht daran gedacht habe. Ich war ja zu der Zeit bei meinen Eltern im Wendland und da hatte ich anderes im Kopf als ein Foto. Die Fotos hier unten sind bei mir zu Hause entstanden, als die Chemo vorbei war.

Ich denke in den letzten Tagen viel über meinen Krankheitsweg nach. Keine schlimmen Gedanken, einfach nur so Gedanken. Was habe ich erlebt, wie ging es mir, was war da alles gewesen. Und ich habe dabei das Gefühl, ich habe viel geschafft. Ich habe einiges erreicht, ich bin den Weg gegangen und ich habe keinen Schritt gescheut.

Krass, aber so viel Kraft und Mut habe ich mir eigentlich nie zugetraut. Da kommt ein Krebs daher und zeigt mir, was ich alles kann. Schon sonderbar.

Ich führe ein anderes Leben als vorher, und es ist nicht schlechter, nein, ich traue mich zu behaupten, es ist besser. Nicht leichter. Besser. Intensiver. Genauer. Ehrlicher. Kompromissloser. Richtiger. Hört sich jetzt alles sehr hochtrabend an vielleicht, aber ich fühle es genau so. Und noch was Gutes, es gibt Dinge, die machten mich vorher unsicher, ich war deswegen sorgenvoll und oft fühlte ich mich problembehaftet. Das liebe Geld ist nur ein Beispiel. Diese Probleme sind nun weg. Ich habe weder weniger noch mehr Geld zur Verfügung, dennoch habe ich das Gefühl, es reicht völlig aus. Es ist genug. Weil es mich nicht mehr interessiert. Wie soll ich das erklären, es ist so, dass es dieses Problem nicht mehr gibt. Für all diese Dinge werden sich Lösungen finden. Es gibt wichtigeres. Ich hatte früher immer Angst, ob ich hinkomme, ob es reicht. Daran denke ich jetzt gar nicht mehr.

Ich will leben. Und wenn nicht hier, dann woanders. Aber leben. Mit meinen Freunden, meinen geliebten Tieren, mit Menschen, die mir wichtig sind. Und der Rest, der ist mir so gleich-gültig geworden. Nicht egal, ich meine es im Wortsinne, die gleiche Gültigkeit wie vieles andere, aber eben auch nicht mehr. Mein Krankheitsweg ist wirklich oft sonderbar. Aber er ist wichtig, er ist mir wichtig.