Nachsorge, Nachwirkungen, Vergangenheit

alles wird anders

Heute morgen las ich ein Interview im SPIEGEL mit einem Nerd. Was ist ein Nerd. Also, der junge Mann sagte in etwa, Computernutzer freuen sich, wenn etwas funktioniert, ein Nerd will wissen, warum und wie es funktioniert und wie er es verbessern kann. Ich war ein Nerd. Ich war gerne ein Nerd. Ich bin kein Nerd mehr. Ich bin gerne kein Nerd mehr. Warum?

Alles wird anders.

Zunächst zu meinem Wert. Den habe ich völlig vergessen, weil der ist ohne bildgebendes Verfahren gar nicht aussagekräftig, der ist sowieso sehr unspezifisch und wenn man bei Untersuchungen nichts findet und er trotzdem hoch ist, wird er ignoriert. Soviel dazu. Ich bin eh am Donnerstag bei meinem Professor, die nächste Untersuchung, es folgen jetzt ja wieder Untersuchungen, zwei mit guten Ergebnissen habe ich schon hinter mir, und in dem Zusammenhang werde ich die Werte besprechen. Und wenn da was ist, dann ist da was, daran kann ich jetzt auch nichts ändern. Ich konnte auch an meinem Tumor nichts ändern. Der war da weil er da war und Punkt. Also lebe ich jetzt weiter. Weil ich hier bin um zu leben. So ist das. Und wenn die Sonne scheint, dann ist das hier auch sehr schön. Mit oder ohne welche Werte auch immer.

Ich lerne. Nämlich den Umgang mit mir, mit meiner Krankheit und mit den Ärzten. Ich lerne Gelassenheit. Ich lerne eigentlich leben. Und ich lerne, das alles anders wird.

Nicht nur bin ich kein Nerd mehr, 20 Jahre waren Computer mein Lebensinhalt, der ist weggebrochen, dafür gibt es viele Gründe, aber die sind jetzt hier nicht wichtig. Wichtig ist, dass ich das Leben lerne. Es wird nämlich wirklich alles anders. Im Außen ist schon so manches anders geworden, ich lebe nicht mehr mit meinem Mann zusammen, er ist 2010 verstorben. Da ist auch was weggebrochen. Ich lebe jetzt in einer WG und das ist schön. Und es ist KOMPLETT ANDERS, als ich es gelernt habe, wie soll ich das erklären ohne hier Romane zu schreiben? Schwer. Als Studentin habe ich nur in WG’s gewohnt und fand es toll, doch darum geht es hier nicht. Ich bin ein gelernter Verbundmensch, habe ich nach meinem Zusammenbruch in der Klinik (nach dem Tod meines Mannes) herausgefunden. Verbundmenschen sind für alles verantwortlich. Sie haben dafür zu sorgen, dass es ihren Nächsten gut geht und an nichts fehlt, allen voran ihrer Familie, ihren Liebsten, ob nun Eltern, Kinder, Ehegesponste oder was auch immer da lebt, sie sind verantwortlich. Ich war schon als kleines Kind verantwortlich für das Wohlergehen meiner Eltern. Das hat sich gehalten und verfestigt und so war ich ein gelernter Verbundmensch, ich war sogar ein Diplomverbundmensch, summa cum laude, Dr. Megaverbund, der immer verantwortlich war und immer funktionierte. Immer. Auch wenn es eigentlich gar nicht ging. Der seine eigenen Bedürfnisse nicht gesehen hat, dafür aber die der anderen ÜBERDEUTLICH. Wie im Focus sozusagen.

Bei meiner Psychoonkologin ist all das ein zentrales Thema. Ich sehe mich nicht. Ich sehe meine Bedürfnisse nicht. Ich funktioniere. Immer und überall.

Meine Krankheit hat sich einen Spaß daraus gemacht, dieses Funktionieren kaputt zu machen. Allzeit bereit ist vorbei. Jäh vorbei. Mein Tumor kam angewachsen und sagte hämisch, so meine Liebe, nun ist Schluss mit Lustig, ich werde dafür sorgen, dass du dich mal um was anderes kümmern musst als ständig um anderleuts Kram. Sprachs und wuchs und veränderte mein Leben.

Und als ich jetzt wieder für andere da sein wollte, obwohl ich eigentlich weder Zeit noch Energie habe, schickte mir die Krankheit mal eben einen erhöhten Wert, der mich erneut daran hinderte, wieder nur die anderen zu sehen und nicht mich.

Meine Freundin, die vor vielen vielen Jahren Brustkrebs hatte und deren Werte alle gut sind und bei der auch nichts mehr gefunden wurde, die sagte zu mir, meine Liebe, mir scheint, du nimmst deine Erkrankung nicht ernst genug.

Ich habe jetzt erstmal alles abgesagt. Alles. Keine Fahrten gar nirgendwo hin. Krebsbehandlung. Nachsorge. Ich. Mehr zählt derzeit nicht. Mehr kann und darf nicht zählen. Meine Erkrankung steht im Vordergrund, alles, was damit zusammenhängt, auch solche Werte, stehen im Vordergrund. Untersuchungen. Abklären. All sowas ist jetzt angesagt. Es dreht sich zum ersten Mal in meinem Leben alles nur um mich.

Alles wird anders. Und wenn ich jetzt sagen würde, ach das ist gut, da ist easy, das ist einfach, dann würde ich lügen.

Es ist alles andere als das. Es ist SAUSCHWER.

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