Abschied, Chemo, Familie, Leben

Abschied für immer

Ich war auf Sue’s Seite gewesen und habe dort ihre Gedanken über das Sterben gelesen, die wir teilen, denn auch ich wollte schon als Kind immer wissen, was passiert mit mir. Und darum ist im Schlaf sterben für mich eine nicht so schöne Vorstellung, da liegt man da und träumt und dann ist man tot und kriegt es nicht mit. Nenene, so nicht.

Warum ich mir als Kind solche Gedanken machte? Das lag an den mich umgebenden älteren Menschen, ich bin nämlich bei meinen Großeltern aufgewachsen und da starb ja ständig jemand und dann war das ein großes Thema, der Otto ist tot, Gott wie schrecklich ist er gestorben, nein also das möchte ich nicht, am besten ist doch im Schlaf… und da habe ich dann drüber nachgedacht und befunden, ich finde es nicht am besten. Ich finde es am schrecklichsten.

Es ist gut, wenn man zusammen mit alten Menschen aufwächst, weil man dann mit Themen konfrontiert wird, die zum Leben dazugehören, aber leider immer öfter ausgeblendet werden. Krankheit und Sterben war etwas, was ich mir täglich angehört habe, was ich aber nicht schlimm fand, ich hörte einfach den Erwachsenen zu und für mich was das ein Teil des Lebens, wenn die so oft darüber reden, dann muss es so sein. Ich saß im Wohnzimmer auf dem Boden, mit meinen geliebten Legosteinen, und hörte dem Gespräch meiner Großeltern mit ihrem Besuch zu und wenn ich merkte, es könnte ein Thema kommen, wo sie mich dann ganz bestimmt rausschicken würden, räumte ich geschickt die Legosteine fort, tat so, als würde ich in den Garten gehen und hockte mich heimlich zwischen die Sessel unter den Nierentisch und war mucksmäuschenstill und irgendwann vergaßen sie mich und dann erfuhr ich eben auch so ziemlich genau, wie der Otto denn gestorben ist.

Da ich nicht alles verstand und meine Neugierde aber gestillt werden wollte, fragte ich Oma abends im Bett (Oma und ich teilten uns ein Bett), was denn Lungenkrebs ist und wieso der Otto keine Luft mehr bekam… und Oma wurde furchtbar wütend, weil ich wieder heimlich gelauscht habe, aber ich ließ nicht locker, ich wollte es wissen. Oma hat es mir notdürftig erklärt, ich glaube nicht aus pädagogischen Erwägungen, damit hatte sie nicht viel zu tun, sondern weil sie meine Fragerei nervte und ich endlich Ruhe geben sollte.

So war das Sterben für mich ein Thema, was einfach dazu gehörte, komischerweise machten die Erwachsenen darum ein Brimborium. Meine Tante Ingelore, die auch mit uns zusammen wohnte, jedoch nicht, wahrscheinlich, weil sie schon als Kind mit dem Thema konfrontiert wurde, denn man sagte damals, dass sie ihre Krankheit nicht überleben werde. Sie hat sie überlebt, sie hat mehrfach überlebt, und sie redete darüber genauso wie über das Wetter, auch mit mir, was ich als sehr angenehm empfand. Ich habe, fällt mir grad ein, als Kind, da war ich noch nicht in der Schule, auch eine häufig tödlich verlaufende Infektionskrankheit überlebt. Ich hatte Wundstarrkrampf, im fortgeschritteten Stadium, konnte schon kaum noch atmen und wenn unser Dorfarzt nicht das Pferdeserum dabei gehabt hätte, dann hätte ich es nicht überlebt. Es stand eh auf der Kippe. Vielleicht ist das Thema deshalb für mich nicht mit so viel schweren Gedanken belastet. Ich weiß es nicht. Ist auch egal, ist eben so und heute las ich halt bei Sue über Sterben und da kamen dann all diese Gedanken. Und ich dachte auch an die vielen Gespräche mit meiner Tante, die ich alles fragen konnte und die mir nicht auswich.

Nein, ich will wieder gesund werden, und vielleicht werde ich es ja auch, das ist es also nicht, warum ich da jetzt drüber nachdenke. Ich denke aber, es ist ein wichtiges Thema, unabhängig von Krankheit und Gesundheit, und ab und an lese ich doch über Worte, die Jesus gesagt haben soll, der für mich übrigens, wie für die Moslems, ein Prophet ist und den ganzen Kladderadatsch mit Gottes Sohn und Dreifaltigkeit und was den Katohlen da noch alles als Dogma (wenn ich schon Dogma höre!) eingefallen ist (allen voran die unbefleckte Empfängnis, dicht gefolgt von der jungfräulichen Geburt – ich meine jetzt ausschließlich die katholische Interpretation dieser Begriffe), glaube ich sowieso nicht (empfehle „Nein und Amen“ von Uta Ranke-Heinemann, köstlich!!). Aber seine Worte beeindrucken mich schon und da soll er gesagt haben: lehre uns bedenken, dass wir sterben müssen, auf dass wir klug werden.

Da habe ich schon lange drüber nachgedacht und seit meiner Erkrankung ist dieses Thema konkret geworden, nein, nicht konkret, fassbarer, oder ist das auch das falsche Wort? Es hat mich erinnert. Vielleicht so. Woran erinnert? Dass wir nicht ewig auf dieser Welt sind und dass eine wichtige Frage ist, was wollen wir? Was ist uns wichtig? Wo wollen wir hin? Was zählt wirklich?

Beim rumsurfen und Linkgs verfolgen fand ich heute dann noch was nettes auf dem Blog einer Frau, leider habe ich die Url vergessen: Eine Frau lag im Koma. Plötzlich hatte sie das Gefühl, sie käme in den Himmel und stände vor dem Richterstuhl. „Wer bist du?“ fragte eine Stimme. „Ich bin die Frau des Bürgermeisters“, erwiderte sie. „Ich habe Dich nicht gefragt, wessen Ehefrau du bist, sondern wer du bist.“ „Ich bin die Mutter von vier Kindern.“ „Ich habe Dich nicht gefragt, wessen Mutter du bist, sondern wer du bist.“ „Ich bin Lehrerin.“ „Ich habe Dich nicht nach deinem Beruf gefragt, sondern wer du bist.“ Und so ging es weiter. Alles, was sie erwiderte, schien keine befriedigende Antwort auf die Frage zu sein: „Wer bist du?“ „Ich bin eine Christin.“ „Ich fragte nicht, welcher Religion du angehörst, sondern wer du bist.“ „Ich bin die, die jeden Tag in die Kirche ging und immer den Armen und Hilfsbedürftigen half.“ „Ich fragte nicht, was du tatest, sondern wer du bist.“ Offensichtlich bestand die Frau die Prüfung nicht, denn sie wurde zurück auf die Erde geschickt. Als sie wieder gesund war, beschloss sie, herauszufinden, wer sie war. Und darin lag der ganze Unterschied!

Lauter so Gedanken hatte ich heute und es waren keine schlechten Gedanken. Wer bin ich? Jau, was sage ich denn dann? Was ist mir wirklich wichtig? Wo will ich hin? Die Frau des Bürgermeisters bin ich jedenfalls nicht 😉

Im September 2010 starb mein Mann, bei Aldi auf dem Parkplatz brach er zusammen und auf dem Weg ins Krankenhaus hat er das Bewusstsein verloren und in die Notfallambulanz durfte ich nicht, ich hörte nur diese schrecklichen Fiepgeräusche des Defibrilators und das Geschrei der Ärzte, als sie offensichtlich merkten, sie verlieren ihn. Irgendwie kriegten sie ihn notdürftig stabilisiert, doch er starb dann sehr kurze Zeit später auf der Intensivstation, wo ich auch nicht dabei sein durfte.

So starb er ohne mich. Das tut mir heute noch leid, dass er so einen gewaltsamen Tod erleiden musste und ich ihn nicht begleiten konnte.

Was ist das Oberthema von all meinen Gedanken? Ich dachte an Abschied. Abschiede, diese vielen Abschiede, die man schon durchlebt, wenn man geboren wird, da verabschiedet man sich nämlich von der schönen beschüztenden Gebärmutter. Schon geht es los. Lauter Abschiede.

Darüber sprach ich heute mit meiner Freundin, dass so ein Ende einer Chemo auch ein Abschied ist, und dass das nicht immer leicht ist. Sie kannte es, denn als sie ihre letzte Chemo hinter sich hatte, ging sie heulend aus der Praxis. Dabei ist Chemo nicht etwas, was man vermissen müsste, nun wirklich nicht, aber es ist doch offensichtlich auch ein Abschied, der irgendwie gelebt werden will. Mir war heute auch komisch, so nach dem letzten Mal. Der Abschied war nett, ich war heute mit einem Mann alleine, wir unterhielten uns darüber und die nette Schwester Thekla kam dann auch und wir verabschiedeten uns. Klar, ich bin Montag noch mal zur Blutkontrolle da, aber heute war eben der Tag des Chemoabschiedes. Ich hatte ein kleines Geschenk mitgebracht, mir war das wichtig, die waren dort so nett zu mir und außerdem macht man das doch so, ein Abschiedsgeschenk überreichen. Man verabschiedet sich mit einem Geschenk. Und dann wurde es mir schwer ums Herz. Jetzt ist die Zeit des bekümmert werdens durch diese netten Menschen vorbei.

Halleluja, was für Gedanken heute durch meinen Kopf gingen!! Mir ging es heute nicht ganz so gut nach der Chemo, ich war erschöpfter als sonst, sonst bin ich eigentlich immer richtig gut drauf gewesen. Vielleicht waren das die Abschiedsgedanken. Ich lag ganz früh im Bett, ich hatte fürchterlichen Dünnsch… und ich war einfach nur kaputt. Lag da mit meinem Mixi, der sich an mich kuschelte und mir das schwere Denken erleichterte, denn so eine kleine Hundeseele so dicht bei mir beruhigt mich immer. Dann schlief ich ein. Und wurde um Mitternacht wach und döste eine Stunde vor mich hin und dachte mir, JETZT ist der Zeitpunkt gekommen, die Blogwelt an meinen Gedanken teil haben zu lassen 😉

Tja, so isset und nun gehe ich schlafen und lasse Euch mit meinen vielen Gedanken alleine. Die letzte Chemo liegt also hinter mir und ich hoffe, es war die allerletzte. Ich hoffe, es war ein Abschied für immer.

Ich danke Euch für Eure Aufmerksamkeit und wünsche Euch einen guten Schlaf – mir im übrigen auch! Mit meinem Muxi!

Posted by Picasa

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

This site uses Akismet to reduce spam. Learn how your comment data is processed.